Nigerianische Frauen leiden unter Scharia
Erst vergewaltigt, dann Todesstrafe

Sie kam vor Gericht, um ihren mutmaßlichen Vergewaltiger anzuklagen. Doch nach der Scharia, dem islamischen Rechtssystem, wurde sie im Norden Nigerias des Ehebruchs bezichtigt.

dpa NAIROBI. Seit vergangenem Oktober hängt über der 33-jährigen Safiyatu Hussaini eines der barbarischsten Todesurteile, das das islamische Recht vorsieht: Zum ersten Mal seit Einführung der Scharia in zwölf nigerianischen Bundessaaten soll eine Frau zu Tode gesteinigt werden. Unterstützt von protestierenden Menschenrechtlern und Frauengruppen legte die Mutter Berufung ein. An diesem Montag soll die Entscheidung vor dem Berufungsgericht im Bundesstaat Sokoto fallen.

Gelingt es Safiyatu Hussaini nicht, die Richter von ihrer Unschuld zu überzeugen, droht ihr, was Menschenrechtler als eine der Menschen verachtendsten Form des Todes bezeichnen: Sie würde bis zu den Schultern in die Erde eingegraben und solange mit Steinen beworfen, bis sie nicht mehr lebt.

Dabei war Saiyatu Husseini es, die im vergangenen Jahr den Richter aufsuchte: um den Vater ihres unfreiwillig empfangenen Kindes auf Zahlungen zu verklagen. Drei Mal habe ihr Cousin, der 60-jährige Yahaya Abubakar, sie vergewaltigt. Als Folge bekam Safiyatu ein Mädchen, das sie mit Hilfe seiner Zahlung auf den Namen Adama taufen wollte. Doch die Richter drehten den Spieß um. Die junge Mutter kam ins Gefängnis.

Nach der Scharia gilt eine Frau als Ehebrecherin, wenn sie ein uneheliches Kind bekommt. Um einen Mann des Ehebruchs zu überführen, müssen wiederum vier Zeugen gegen ihn aussagen. Als diskriminierend verurteilte eine Sprecherin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in London die Tatsache, dass dem mutmaßlichen Vergewaltiger - einem verheirateten Mann - nicht einmal der Prozess gemacht werde. Die Steinigung sei die Todesstrafe in einer besonders herabwürdigenden und grausamen Form. Die Organisation, die eine Delegation nach Sokoto geschickt hat, prangert die mangelnde Fairness des Verfahrens an: Die Angeklagte habe keinen Rechtsbeistand. Sie solle auf Grund einer Schwangerschaft zum Tode verurteilt werden.

In dem blutigen Streit zwischen Christen und Moslems um die Einführung des islamischen Rechts in zwölf moslemisch dominierten nigerianischen Bundesstaaten sind in den vergangenen zwei Jahren etwa 2 000 Menschen gestorben. Peitschenhiebe und Amputationen von Händen überführter Diebe sind dort seitdem gängige Strafen. Im Dezember wurde die erste Todesstrafe vollzogen. Ein 25-Jähriger wurde im Staat Katsina gehenkt, weil er des Mordes an der Frau und zwei Kindern seines Arbeitgebers überführt worden war. Bereits im September war im Bundesstaat Kebbie ein alter Mann wegen Sodomie zum Tod durch Steinigung verurteilt worden. Jedoch wurde das Urteil bislang nicht vollstreckt. Im Januar erhielt im Bundesstaat Zamfara eine 17-Jährige für ihren angeblichen Ehebruch 100 Peitschenhiebe. Auch sie war nach eigenen Angaben durch eine Vergewaltigung schwanger geworden.

Die nigerianische Frauenrechtlerin Ayesha Imam wirft den Provinz- Regierungen "Missbrauch der Religion und staatlicher Macht" vor. Die Europäische Union drängte das westafrikanische Land am Samstag, Gnade im Fall der 33-Jährigen walten zu lassen. "Wir drängen die nigerianischen Behörden, die Rechte und Würde von Menschen zu achten - besonders im Hinblick auf Frauen", heißt es in einer Erklärung.

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