Nitrofen-Skandal
Nitrofen schon seit einem Jahr in Umlauf

Das verbotene Pflanzengift Nitrofen ist nach Angaben des niedersächsischen Agrarministeriums vermutlich schon vor mindestens einem Jahr in die Nahrungskette gelangt.

Reuters HANNOVER/BERLIN. Nachdem in Bio-Geflügelprodukten vom vergangenen September Rückstände der Chemikalie gefunden wurden, fahnden die Behörden nun nach weiteren Verursachern.

Es seien Nitrofen-Rückstände in Geflügelfleischprodukten vom September 2001 bekannt geworden, teilte Staatssekretär Dietmar Schulz am Mittwoch in Hannover mit. Deshalb sei davon auszugehen, dass der niedersächsische Futtermittelhersteller GS agri bereits früher als bisher angenommen belastetes Bio-Futter ausgeliefert habe. Bei einer Mastzeit von vier Monaten könne belastetes Getreide also bereits im Frühsommer 2001 verfüttert worden sein. Bei GS agri würden nun Rückstellproben des Futters aus dieser Zeit untersucht. Auch die Frage nach der Herkunft des Nitrofens stelle sich damit neu, sagte Schulz.

Bislang waren die Behörden davon ausgegangen, dass Nitrofen haltiges Futtergetreide erst von November 2001 an bei GS agri in Niedersachsen zu Bio-Futter verarbeitet und an Bio-Betriebe ausgeliefert worden war. Als Quelle galt eine mit Nitrofenstaub verseuchte Lagerhalle in Malchin in Mecklenburg-Vorpommern. Von dort war ab November Bio-Getreide an GS agri geliefert worden. Allerdings hatte Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) bereits am Dienstag erklärt, seiner Ansicht nach müsse es weitere Verursacher für die Getreide-Verseuchung geben.

Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) zeigte sich vor Journalisten in Berlin sichtlich angespannt und wollte die jüngste Entwicklung des Nitrofen-Skandals zunächst nicht kommentieren. Im Ministerium hieß es später, falls sich der Verdacht einer Belastung bereits im September bestätige, müsse nach weiteren Verursachern gesucht werden. Für Donnerstag ist eine Regierungserklärung Künasts im Bundestag geplant. Die niedersächsischen Behörden versuchten unterdessen, sämtliche früheren Futterlieferungen von GS agri an Bio-Betriebe zu rekonstruieren, um diese vorsorglich zu sperren, falls sie noch Fleischkonserven aus der Zeit vor November vorrätig hätten.

Bio-Putenwürstchen zurückgerufen

Die September-Probe aus Bio-Putenwürstchen war nach Angaben des Landesagrarministeriums erst kürzlich bekannt geworden. Das Bio-Tochterunternehmen Krusenhof des Würstchenherstellers Meica hatte nach ersten Hinweisen auf Nitrofen-Belastungen am 25. April Selbstanzeige erstattet. Danach seien zurückgerufene Waren untersucht worden. Dabei sei eine Würstchenprobe aus der Produktion von Anfang September positiv getestet worden. Ob das Fleisch wie in anderen Fällen von der Bio-Erzeugergemeinschaft "Grüne Wiesen Biohöfe" geliefert worden sei, stehe noch nicht fest. Diese bezog ihr Futter größtenteils von GS agri.

Die Selbstanzeige vom 25. April hatte staatsanwaltliche Ermittlungen ausgelöst. Öffentlich bekannt wurde der Nitrofen-Skandal aber erst einen Monat später. Mittlerweile fahnden zehn Bundesländer sowie Dänemark, Niederlande, Belgien und Österreich nach dem Verbleib von Nitrofen haltigem Geflügelfleisch von "Grüne Wiesen Biohöfe". Ein Großteil der Produkte ist nach bisherigen Erkenntnissen bereits verzehrt worden. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat nach dem Auftauchen von belasteten Produkten in der Hansestadt auf ihrer Internetseite www.vzhh.de sämtliche wegen Nitrofen-Verdachtes zurückgerufenen Produkte mit vollem Namen aufgeführt. Dies ist nach dem Gesetz Behörden bisher untersagt.

Bauernverband fordert Soforthilfe für Biobauern

Der Deutsche Bauernverband (DBV) forderte für Bio-Landwirte ein staatliches Soforthilfeprogramm. DBV-Generalsekretär Helmut Born sagte, zurzeit sei der Umsatz von Bio-Erzeugnissen um 50 Prozent zurückgegangen. Bei einem unterstellten Umsatzrückgang von 20 Prozent im gesamten Jahr drohten der Branche Schäden in Höhe von 540 Millionen Euro. Von dem Nitrofen-Skandal direkt betroffen seien 100 Betriebe, deren belastete Futtermittel und Tierbestände nun unbürokratisch entsorgt werden müssten.

Der Deutsche Raiffeisen-Verband, dem die bislang in den Nitrofen-Skandal verwickelten Firmen angehören, wies auf seinem Verbandstag eine pauschale Kritik an dem Verband zurück. Man könne nicht 3600 Mitgliedsgenossenschaften kontrollieren. Die R+V Versicherung der Volks- und Raiffeisenbanken hat wegen einer Verwicklung von Kunden in den Nitrofen-Skandal Rückstellungen in Millionenhöhe vorgenommen. R+V ist nach eigenen Angaben auch der Haftpflichtversicherer von GS agri.

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