Nobelpreis für Elfriede Jelinek überrascht die Literaturszene
Kassandra, Dame, Nestbeschmutzerin

Diese Frau hat ein Talent zur Vernichtung von Idyllen. Alpen, grüne Wiesen und schmucke Häuser - dahinter lauern Abgründe. Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek, die in diesem Jahr den Literatur-Nobelpreis erhält, ist streitbar und umstritten.

BERLIN. In die Freude darüber, dass wieder eine deutschsprachige Autorin den begehrtesten aller Literaturpreise erhält, mischt sich auch eine Spur Verwunderung. Denn Elfriede Jelinek hatten die Kritiker nicht unbedingt auf den geheimen Nominierungslisten der Schwedischen Akademie erwartet. Elfriede Jelinek ist erst die zehnte Frau, die den Nobelpreis für Literatur erhält.

Wie ein Solitär steht Elfriede Jelinek in der literarischen Landschaft Deutschlands und Österreichs. Ihre radikal-linke Position, von 1974 bis 1991 war sie Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs, schien nach dem Ende des Kommunismus antiquiert. Ihre Kassandrarufe über die Verfassung der Gesellschaft wurden von vielen Autoren kaum noch mitgetragen. Besonders Ende der 90er-Jahre, in denen in Deutschland Popautoren wie Judith Hermann und Benjamin von Stuckrad-Barre dominierten, die sich vor allem mit ihrer eigenen Befindlichkeit auseinander setzen, geriet sie ins Abseits. Doch mit dem Auseinandertriften der Gesellschaft, mit Hartz IV und den Folgen, scheint Jelinek wieder an Aktualität zu gewinnen. Und sie selbst hatte sich schon vor zwei Jahren mit ihrer Dramentrilogie "In den Alpen" einem höchst zeitgemäßen Thema zugewandt, der Brandkatastrophe im Tunnel von Kaprun, bei der 155 Menschen den Tod fanden.

Die 57-Jährige hat zwar alle wichtigen deutschen Literaturpreise gewonnen, darunter 1998 den bedeutenden Büchnerpreis. Ihre Romane und Dramen stießen aber wegen ihrer dezidierten politischen Ausrichtung und der komplizierten Sprachkaskaden auf Kritik. In Österreich galt sie lange als ungeliebte Nestbeschmutzerin, die sich in die Tradition jener österreichischen Autoren einreihte, die - so wie Thomas Bernhard und Peter Handke - ihr Heimatland mit bösem Argwohn betrachten. Die 1946 in der Steiermark geborene Jelenik sieht ihr Österreich von "gesundem Volksempfinden" bestimmt, was sich - wie sie meint - in vielen politischen Entwicklungen wie dem Aufstieg des rechtsextremen Politikers Jörg Haider zeige.

Doch ihr literarisches und gesellschaftliches Programm geht weit über Österreich hinaus. Ihr großes Thema ist die Macht. Sie setzt sich mit männlichen Machtphantasien auseinander und hat sich zudem seit Beginn ihrer schriftstellerischen Laufbahn Mitte der 60er-Jahre immer wieder mit den Mechanismen des Nationalsozialismus beschäftigt. Auch wegen ihrer Familiengeschichte, ihr Vater war Jude und wurde als Zwangsarbeiter von den Nationalsozialisten ausgebeutet.

Seite 1:

Kassandra, Dame, Nestbeschmutzerin

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%