Nobelpreis mit 1,1 Mill. € dotiert
Literatur-Nobelpreis an Briten V.S. Naipaul

Zum 100-jährigen Jubiläum des Literatur- Nobelpreises hat die Schwedische Akademie mit dem Schriftsteller V.S. Naipaul eine umstrittene Entscheidung getroffen. Der aus Trinidad stammende britische Autor bekomme die Auszeichnung "für seine Werke, die hellhöriges Erzählen und unbestechliches Beobachten vereinen und uns zwingen, die Gegenwart verdrängter Geschichte zu sehen", teilte die Akademie in Stockholm mit.

dpa STOCKHOLM. Der 69-jährige Kosmopolit sei ein "literarischer Weltenumsegler" und "nur bei sich selbst zu Hause, in seinem unnachahmlichen Ton". Kritiker bezeichnen den seit langem in England lebenden Autor dagegen als zynisch und kalt, da er mit Verachtung über Verlierer in früheren Kolonialländern schreibe. Die Nobelpreis-Vergabe stieß auf Ablehnung, aber auch Lob.

Nach Auffassung des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki ist die Vergabe an Naipaul "keine Überraschung, aber ein Enttäuschung". Mit ihrem Votum für einen Reiseschriftsteller habe die Akademie zum 100-jährigen Jubiläum eine Chance vertan, sagte Reich-Ranicki in Frankfurt. Der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann zeigte sich von der Entscheidung überrascht. Naipaul sei zwar einer der "bekanntesten Schriftsteller der Welt", aber er persönlich hätte einen amerikanischen Autor wie John Updike oder Philip Roth für die bessere Wahl gehalten, sagte Naumann auf der Buchmesse in Frankfurt. Diese Autoren hatte auch Reich-Ranicki als preiswürdig genannt.

Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek hat die Entscheidung für V.S. Naipaul als Literatur-Nobelpreisträger dagegen begrüßt. "Ich glaube, im Moment kann man sich fast keinen besseren Kandidaten wünschen", sagte Karasek am Donnerstag auf der Frankfurter Buchmesse. Naipaul sei ein Autor, der die Verbindung zwischen der westlichen Zivilisation und der "Dritten Welt" zu seinem entscheidenden Thema mache.

Autor beschreibt sich selbst als "wurzellos"

 

Naipauls Werk besteht zum größten Teil aus Romanen und Novellen, aber auch einigen dokumentarischen Schilderungen. Der Autor, der sich selbst als wurzellos beschreibt, gilt als bedeutendster englischsprachiger Reiseschriftsteller. Die Handlung seiner frühesten Bücher spielt in Westindien. Sein Durchbruch kam 1961 mit dem Roman "Ein Haus für Mr. Biswas" über das Leben seines Vaters. Danach folgten Reiseberichte unter anderem aus Indien und Afrika.

Naipaul behandelt in seinen Romanen und Erzählungen vor allem Rassenprobleme und Beispiele der politischen Unterdrückung sowie die Entwurzelung des Individuums in der modernen Gesellschaft. Nach Ansicht der Akademie hat er "die existierenden Genres umgeformt zu einer eigenen Schreibweise, in der die herkömmlichen Abgrenzungen zwischen Vision und Sachprosa eine untergeordnete Bedeutung haben". Mit seinem hellwachen Stil verwandle er "Zorn in Genauigkeit" und lasse "die Ereignisse mit der ihr eigenen Ironie zu Wort kommen".

In Deutschland fanden seine Romane "An der Biegung des großen Flusses» und die Reiseberichte "Indien: ein Land im Aufruhr" und "Eine islamische Reise: unter den Gläubigen" Beachtung.

Börsenvereins-Vorsteher Ulmer freute sich "außerordentlich" über die Wahl

Der Verlag Hoffmann & Campe (Hamburg) reagierte sehr erfreut über die Wahl der Akademie. "Wir hoffen, dass Naipaul damit den Schub bekommt, den er verdient", sagte Geschäftsführer Rainer Moritz auf der Buchmesse. Naipaul habe es zuletzt schwer gehabt, in Deutschland Leser zu finden. Die beim Verlag vorrätigen Bücher, darunter "Auf der Sklavenroute", würden nachgedruckt. Auch Börsenvereins-Vorsteher Roland Ulmer freute sich "außerordentlich": "Ich habe selten ein schöneres Buch gelesen als den Roman "Ein Haus für Mr. Biswas"."

Naipaul kam 1932 auf Trinidad in der Karibik zur Welt. Seine Familie sind Nachfahren hinduistischer Einwanderer aus Nordindien. Der Großvater war Zuckerrohrarbeiter, der Vater Journalist und Schriftsteller. Mit 18 Jahren kam Naipaul nach England, wo er studierte und noch heute lebt. Immer wieder reiste er aber auch für längere Zeit nach Asien, Afrika und Amerika. Mitte der 50er Jahre war er auch als freier Journalist für die BBC tätig.

Der Nobelpreis wurde - mit Unterbrechungen in den Weltkriegen - erstmals vor 100 Jahren vergeben und ist mit zehn Mill. Schwedischen Kronen (2,1 Mill. DM, 1,1 Mill. ?) dotiert.

Im vergangenen Jahr hatte die Akademie den im französischen Exil lebenden chinesischen Schriftsteller Gao Xingjian mit dem Literatur- Nobelpreis geehrt, im Jahr zuvor den deutschen Autor Günter Grass. Die Auszeichnungen werden traditionsgemäß am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896), überreicht. An diesem Freitag wird der Friedensnobelpreis-Träger bekannt gegeben.

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