Noch 113 Menschen vermisst
Gotthardtunnel: Offenbar weniger Opfer als befürchtet

Die Zahl der Opfer nach dem Brand-Inferno im Schweizer Gotthardtunnel ist offenbar kleiner als zunächst befürchtet. Nach Aussage des Tessiner Polizeikommandanten Romano Piazzini konnten sich alle Lastwagenfahrer retten, die nicht direkt in den Verkehrsunfall verwickelt waren.

dpa AIROLO. Zeugenaussagen ließen den Schluss zu, dass die bisherige Zahl von elf Toten nicht allzu weit nach oben korrigiert werden müsse, sagte Piazzini am Freitag in Airolo. Es waren allerdings noch immer 113 Menschen als vermisst gemeldet.

In den Unfall in dem 16,3 Kilometer langen Alpentunnel waren nach Aussage der Polizei 13 Lastwagen, vier Lieferwagen und sechs Personenwagen verwickelt. Bis zum späten Freitagnachmittag wurden keine weiteren Leichen in der Tunnelröhre gefunden. Von den elf Todesopfern - zehn Männer und eine Frau - stammen vier aus Deutschland. Die bislang gefundenen Toten waren erstickt. Drei der vier Todesopfer aus Niedersachsen sollen bald zur Bestattung freigegeben werden, hieß es.

Unterdessen zeichnete sich ab, dass die Bergungsarbeiten sehr schwierig und langwierig sein werden. So muss die durch die gewaltige Hitze brüchig gewordene Tunneldecke Meter um Meter abgestützt werden. Insgesamt gelten 250 Meter als akut einsturzgefährdet.

Rechtzeitig den Tunnel verlassen

Polizeikommandant Piazzini sagte, es sei möglich, dass es sämtlichen Fahrern gelungen sei, ihre Autos und den brennenden Tunnel rechtzeitig zu verlassen. Piazzini hielt es für unwahrscheinlich, dass sich alle Vermissten unter den Trümmern der herabgestürzten Tunneldecke befänden.

Die Feuerwehr hatte in der Nacht zum Freitag die letzten Brände gelöscht. Um die Vermisstenmeldungen zu klären, wollte ein Spezialistenteam der Zürcher Polizei Fotos der rund 100 noch im Tunnel befindlichen Fahrzeuge oder Wracks machen. Diese sollen mit den entsprechenden Nummernschildern veröffentlicht werden. Unter anderem anhand noch vorhandener Daten wie Motor- oder Fahrgestellnummern sollen die Besitzer festgestellt werden.

Der Bereich im Umkreis von 150 Metern um den Unglücksort kann erst untersucht werden, sobald die Decken stabilisiert sind. Eine 50-Meter-Zone gilt als Hauptbrandherd mit zeitweise bis zu 1200 Grad Hitze. In dieser "roten Zone" sei es nur schwer möglich, Opfer zu identifizieren oder überhaupt zu erfassen, was sich dort befunden hat, sagte Piazzini. Dort befänden sich zwölf Fahrzeuge. Die Temperatur im Tunnel hat sich am Freitag auf 30 Grad abgekühlt.

Bis Anfang 2002 gesperrt

Als Folge des Unglücks wird der Gotthardtunnel voraussichtlich bis Anfang 2002 nicht befahrbar sein. Die Schweiz erwäge daher eine teilweise Sperrung des Transit-Schwerverkehrs, erklärte der Vizedirektor vom Bundesamt für Straßen (ASTRA), Michel Egger, in der "Neuen Zürcher Zeitung". "Wir werden möglichst bald mit der EU entsprechende Gespräche führen", sagte Egger.

Eine Sanierung werde umgerechnet mehrere Mill. DM kosten, schätzte Egger. Die hochalpine Pass-Straße werde bei Schnee nur erschwert befahrbar sein. San Bernardino, Simplon und Großer St.Bernhard könnten - obwohl wintersicher - die 85 % Personen- und Schwerverkehr, die von der Gotthard-Strecke umgelagert werden müssten, "nie auffangen".

Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) sprach sich indes gegen ein Verbot des Transports gefährlicher Güter durch Tunnel aus. Ein Verbot würde dazu führen, dass die Tunnel nur noch "sehr eingeschränkt" genutzt werden könnten, sagte er dem DeutschlandRadio Berlin. Man müsse vielmehr die Tunnel sicherer machen.

Die Schweizer Bundesbahnen (SBB) setzten zahlreiche zusätzliche Verladezüge für Last- und Personenwagen ein, um den Transitverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Für den Personenverkehr wurden an den Schaltern mehr Menschen registriert, die ansonsten mit dem Auto in den Süden fahren. Bei der nach 20 Jahren wieder aufgenommenen Autoverladung durch den Gotthard-Eisenbahntunnel verkehren je fünf Züge pro Richtung. Am Wochenende wollen die SBB täglich 16 Züge im Stundentakt fahren lassen.

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