Noch 22 Personen festgehalten
Mehr als 100 Castor-Gegner vorübergehend in Gewahrsam

An Protesten gegen den am Sonntag gestarteten Castor-Transport nach Gorleben haben sich nach Polizeiangaben bislang deutlich weniger Atomkraftgegner beteiligt als erwartet. "Wir haben es mit einer anderen Situation als beim ersten Transport im Frühjahr zu tun", sagte Einsatzleiter Hans Reime am Montag vor Journalisten in Lüneburg.

Reuters LÜNEBURG. "Wir haben weniger Masse, aber mehr Militanz", sagte Reime und verwies auf Blockadeversuche an den Strecken. Seit Sonntag wurden nach den Worten des Einsatzleiters 14 Personen vorübergehend festgenommen und 106 Atomkraftgegner in Gewahrsam genommen. Anti-Atominitiativen räumten Mobilisierungsprobleme ein.

Der Transport von sechs Castor-Behältern mit wiederaufgearbeitetem Atommüll war am Sonntagabend etwas früher als geplant in Frankreich bei La Hague gestartet. Der Bundesgrenzschutz erwartet den Zug im Laufe des Dienstag in Lüneburg. Auf dem letzten 70 Kilometer langen Teilstück von Lüneburg über Dannenberg bis Gorleben werden zahlreiche Aktionen von Atomkraftgegnern erwartet.

Montagvormittag wurden nach Polizeiangaben noch 22 Personen festgehalten, darunter elf Mitglieder der Umweltorganisation Greenpeace. Diese hatten in der Nacht versucht, auf die Bahnstrecke Lüneburg-Dannenberg zu gelangen.

Beamte des Bundesgrenzschutzes stellten am Montag auf dieser Strecke bereits den dritten mit Rohren präparierten Betonklotz im Gleisbett sicher. An einer solchen Vorrichtung hatten sich beim ersten Castor-Transport in diesem Jahr im März vier Atomkraftgegner angekettet und den Zug 16 Stunden lang gestoppt. In der Nähe von Hitzacker seien im Wald an der Bahnlinie Stahlseile und Werkzeuge gefunden worden, sagte ein Grenzschutzsprecher. An mehreren Stellen hätten Unbekannte Gleisschrauben gelockert. Die Strecke werde mit Wärmebildkameras und 80 Diensthunden aus dem gesamten Bundesgebiet intensiv überwacht. Die Wahrscheinlichkeit, dass noch weitere Blöcke im Gleisbett lägen, sei gering, sagte Joachim Franklin vom Bundesgrenzschutz.

Regierungspräsidentin Ulrike Wolff-Gebhardt verteidigte das Verbot mehrerer Demonstrationen sowie das generelle Versammlungsverbot entlang der Transportstrecke. "Es gibt kein Grundrecht auf Blockaden", sagte sie. Für den Schutz der sechs Castor-Behälter sind bundesweit 15 000 Beamte im Einsatz, der Großteil davon im niedersächsischen Wendland. Trotz der bislang geringen Proteste gebe es keine Pläne, Beamte nach Hause zuschicken.

Vertreter der Anti-Atomkraftinitiativen erklärten auf einer Pressekonferenz in Dannenberg, dass sie bereits bei den Protesten am Sonntag mit deutlich mehr Teilnehmern gerechnet hätten. "Wir hatten mit 6000 gerechnet, vermuten aber, dass es nur die Hälfte waren", sagte der Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, Wolfgang Ehmke. "In der fünften Woche Krieg ist Atom eben nur noch ein Randthema." Eine Sprecherin der Bäuerlichen Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg sagte, es habe Schwierigkeiten bei der Mobilisierung gegeben, "weil praktisch nichts an Demonstrationen erlaubt war".

Ein Sprecher der Initiative "X-tausendmal quer" sagte, den Demonstranten gehe es in erster Linie darum, die Öffentlichkeit auf ein politisches Problem hinzuweisen. "Das ist unser Anliegen, nicht Räuber- und Gendarmspiel", sagte Sprecher Jochen Stay. Die Atomkraftgegner kritisierten, dass die Polizei sogar in bis zu zehn Kilometer von der Transportstrecke entfernten Gegenden Platzverweise gegen Demonstranten erteilt habe.

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