Noch einer dieser IT-Trends?: Web Services – der ignorierte Megatrend

Noch einer dieser IT-Trends?
Web Services – der ignorierte Megatrend

Sogenannte "Web Services" sind derzeit mit Abstand das heißeste Thema in der Informationstechnologie, welches alle Unternehmen und Investoren im Silicon Valley im Fokus haben. Dies ist durchaus berechtigt, da Web Services das Potenzial haben, in den nächsten Jahren die informationstechnische Umwälzung von Geschäftssystemen zu dominieren. Manager aus allen Bereichen außerhalb des des Silicon Valley hingegen läßt das Thema kalt. Die meisten haben nicht einmal eine entfernte Vorstellung davon, was Web Services sein könnten. Doch aufgepasst: Diese Ignoranz gegenüber Web Services sollte nicht zu weit getrieben werden.

"Endlich muss ich mir weder das endlose Geschwätz von ?Visionären? noch die unverständlichen Ausführungen von Technologen weiter anhören" kommentierte ein befreundeter Spitzenmanager vor einigen Monaten befriedigt den Kollaps des E-Commerce Hype. "Ausserdem muss ich mir nicht die Namen immer neuer Unternehmen merken, welche angeblich morgen mein Geschäftsmodell aus den Angeln heben werden".

Nichts interessiert diesen Geschäftsmann daher weniger, als ein neuer Technologietrend. "Wenn er denn schon so wichtig ist, so werden meine Informationstechniker ihn sicherlich soweit als möglich für uns nutzen" delegiert er alle diese Themen entschieden an IT-Abteilungen. Meiner Meinung nach steht dieser Mann prototypisch für 90 % der heutigen Manager.

Kein Wunder also, dass das Thema Web Services derzeit kaum einen Geschäftsmann hinter dem sprichwörtlichen Ofen hervorlockt. Es ist auch nicht gerade hilfreich, dass die Mehrzahl der Diskussionen über Web Services ausgerechnet von den bereits bis zum Überdruss ertragenen "Visionären" und IT-Spezialisten beherrscht wird.

Trotzdem sollte es vielleicht zu denken geben, wenn führende IT-Unternehmen wie Microsoft (mit .NET), IBM (mit Web Services) und SUN (mit SUN ONE), aber auch BEA und viele mehr Web Services in das Zentrum ihrer künftigen Produkt- und Plattformstrategie stellen und hierbei Milliarden Dollar investieren. Und wenn selbst die deutsche SAP inzwischen verkündet, sie werde ihre Applikationen künftig als Web Services zur Verfügung stellen, dann sollte wirklich etwas an dem Thema dran sein. Von den vielen (und in der Tat vielversprechenden) Start-Ups, neu erwachtem Venture Capital und zahlreichen Konferenzen auf diesem Gebiet sei erst gar nicht gesprochen - es könnte der Seriosität des Trends in der heutigen Stimmungslage mehr schaden als nützen.

Und so beginnen The Red Herring und andere Zeitschriften Ihre Umfragen bei hiesigen Experten nach den Top Trends für 2002 nicht zufällig mit der Frage: Werden Web Service in 2002 Realität? - auch wenn, wie wir sehen werden, diese Frage so nicht beantwortbar ist.

Was sind Web Services?

Anstatt einer präzisen Definition geben wir lieber eine Beschreibung von Web Services und erläutern anschließend, warum das so beschriebene wichtig ist. Zunächst einmal ist der Name irreführend - Web Services haben wenig mit "Internet-Diensten" zu tun. Statt dessen sind sie:

- Eine neue, standard-basierte und stark modulare Art Software zu schreiben,

- und zwar so dass Software von Software gelesen werden kann,

- und über das Internet hinweg zusammengesetzt werden kann

In einfachen Worten kann man sich Web Services als eine Art "Lego-System" für Software vorstellen, wobei die Bausteine allerdings nicht räumlich zusammengesteckt werden, sondern lediglich über das Internet verbunden sein müssen.

Um dies zu erreichen werden aktiv viele IT-Standards und-Protokolle formuliert, welche in den üblichen unverständlichen Akronymen verbrämt werden. Die wichtigsten lauten XML, SOAP, UDDI und WSDL, aber wir werden sie für unsere Diskussion hier nicht weiter benötigen.

Warum sind Web Services relevant?

Es gibt im wesentlichen zwei Gründe, warum Web Services relevant sind:

1. Sie addressieren die Software-Lücke, das heißt das fundamentale Problem, weshalb wir aus den dramatischen Leistungssteigerungen der Informationstechnologie-Hardware nur sehr bescheidenene Produktivitätserhöhungen hervorgebracht haben.

2. Der Weg ist das Ziel: Was auch immer beim Thema Web Services letztlich erreicht oder unerreicht bleibt, jeder einzelne Schritt ist bereits in sich von hoher Bedeutung. Die ersten Schritte bedingen ihre kurzfristige Relevanz.

Der erste Punkt ("Software-Lücke") bezieht sich auf die Tatsache, dass von der millionenfachen Geschwindigkeitssteigerung der informationstechnischen Hardware nur ein verschwindender Bruchteil in Form von Produktivitätsfortschritten in der Wirtschaft angekommen ist. Dies liegt an der zwischen Mensch und Hardware liegenden Schicht: der Software. Sie nimmt auf beunruhigende Weise an Komplexität zu und alte (sog. "Legacy") Systeme bremsen den Fortschritt zusätzlich. Die Eigenschaften von "Web Services" erlauben es nun, die Komplexität zu reduzieren, alte Applikationenen kostengünstig zu "modernisieren" und zudem die Software - quasi als Dienstleistung - auf den Benutzer zuzuschneiden. Dieser letzte Aspekt ist der Grund für das Wort "Services" in Web Services. Dieses Thema wurde bereits in einer früheren Kolumne ("Eine Software ist ein Service" im Januar 2001) angesprochen.

Der zweite Punkt ("Der Weg ist das Ziel") kann durch den anfänglichen Schritt illustriert werden, den Web Services derzeit nehmen: Die drastische Vereinfachung der Integration von Applikationen. Integration ist heute das Thema Nummer 1 aller IT-Abteilungen und die standardbasierten Web Services erlauben es, diese wesentlich einfacher zu gestalten und sogar alte Legacy-Systeme so zu "umhüllen", dass sie schnell in das neue System eingabaut werden können.

Obige Punkte sollten auch die oft babylonische Sprachverwirrung bei (potentiellen) Anwendern bezüglich Web Services verständlich machen - weshalb Frage der Relevanz für 2002 keine einheitliche Antwort findet. Man kann hören "Web Services werden nie Wirklichkeit". Das bezieht sich in der Regel auf einen Extremfall des Überwindens der Software-Lücke, nämlich auf die Vision, dass sich alle Software künftig "on the fly" über das Internet selbständig zu Applikationen zusammensetzen könnte. Andere sagen: "Es fehlen noch viele Standards, welche erst in den nächsten Jahren entwickelt werden müssen". Obgleich dies korrekt ist, kann man mit vorhandenen Mitteln schon enorme Integrationserleichterungen erreichen. Oder man hört: "Wir sind schon mitten in der Implementierung" - womit dann eben diese erste Formen von Web Services gemeint sind, welche für viele Anwender schon das Ziel ist.

Für wen sind Web Services relevant?

Derzeit sind Web Services hauptsächlich für diejenigen Unternehmen relevant, welche stark davon profitieren würden, wenn die Integration von Prozessen wesentlich schneller und kostengünstiger zustande käme.

SouthWest Airlines wollte beispielsweise seinen Passagieren erlauben, Autos zu reservieren, ohne sich E-Commerce Marktplätzen wie Travelocity anschließen zu wollen. Mithilfe von Web Services konnte es in kürzester Zeit mit Dollar-Rent-a-Car zunächst völlig inkompatible Applikationen integrieren. Als die Manager nach der wesentlichsten Erkenntnis aus dem Projekt gefragt wurden, erklärten sie: Allein die Möglichkeit einer so schnellen und billigen Integration eröffne viele neue Geschäftsperspektiven.

Analog hat beispielsweise auch die Telefongesellschaft Verizon nach dem 11. September mithilfe von Web Services Back-Up Systeme in New York schnell aktivieren können. Viele andere Unternehmen sind inzwischen auf diese erste Stufe von Web Services eingestiegen.

In kurzer Zeit werden einfache Applikationen folgen, welche beispielsweise auf neuen - inbesondere mobilen - Plattformen zur Verfügung gestellt werden. Jede Ausweitung von Applikationen auf diese Endgeräte sollte Web Services nutzen. Auch wird zumindest Microsoft in 2002 mit .Net eine erste Architektur zur Verfügung stellen, welche es Unternehmen erlaubt, Dienstleistungen als Web Services zur Verfügung zu stellen.

Mittelfristig ist der größte Preis wohl die Automatisierung der Dienstleistungsindustrie, welche auf Basis von Web Services erstmals in Teilbereichen erfolgreich angegangen werden kann. Hierüber werden wir in den nächsten Jahren sicherlich noch viel hören.

Wir können den Leser nur ermutigen, sich aktiv mit dem Thema Web Services zu beschäftigen und sich nicht durch zu technische Abhandlungen oder scheinbar widersprüchliche Aussagen schrecken zu lassen. Auch in dieser Kolumne werden wir sicher noch mehrmals auf Aspekte des Themas zurückkommen.

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