Noch ist die Krisenstimmung nur latent vorhanden
Das Pfund kann noch weiter abspecken

Im Abwärtstrend zum Euro behält das Pfund seine bemerkenswerte Stabilität zum Dollar bei. Gab die britische Währung im Verhältnis zur europäischen handelsgewichtet in den vergangenen drei Monaten mehr als 5,5 % ab, verlor sie gegenüber dem Greenback kaum mehr als ein halbes Prozent.

LONDON. Und weil bekanntlich auch die amerikanische Währung kräftig Federn lassen musste, kommentieren manche Beobachter nur mit einem: "Mitgefangen - Mitgehangen". Anders gesagt: Wer wegen der traditionellen Verbindung beider Volkswirtschaften jahrelang von der Stärke des Dollars profitiert, bekommt eben jetzt auch die Schwäche zu spüren.

Doch diese Argumentation greift zu kurz - abgesehen davon, dass britische Exporteure in der lange ersehnten Pfundschwäche wenige Nachteile sehen. Sie verkennt, dass hausgemachte Gründe Investoren derzeit von einem Engagement in Pfund abhalten. Sie sieht zudem nicht, dass im schlimmsten Fall nur noch der Auslöser fehlt, die Währung noch weiter nach unten zu drücken - selbst wenn manch einem der jetzige Abwärtstrend schon übertrieben erscheint.

So zeigt ein Blick in die Kapitalbilanz, dass Ausländer fast 250 Mrd. Pfund im Vereinigten Königreich eher kurzfristig (etwa auf Sparkonten) geparkt haben. Ein etwa gleich hoher Betrag britischer Investments im Ausland ist dagegen deutlich länger gebunden (etwa über Direktinvestitionen). Das deutet darauf hin, dass ausländisches Kapital schneller aus dem Land fließen kann als inländisches zurück. Und was massive Abflüsse auslösen würden, ist klar: Das Pfund würde noch weiter abspecken.

Warum aber sollten die Investoren sich weiter zurückziehen? Wer den Herdentrieb als Argument anführt, liegt bei den Erfahrungen an den Kapitalmärkten der vergangenen Jahre wohl nie ganz falsch. Doch es müsste mehr dazu kommen, zumal die Anleger lange Zeit sehr gut mit dem Pfund gefahren sind. Und noch stimmen die Rahmenbedingungen: Die Zinsen der Bank von England liegen deutlich über denen der Euro-Zone, die Wirtschaft entwickelt sich besser und auch hat der britische Schatzkanzler seinen Haushalt besser im Griff als seine europäischen Kollegen.

Dennoch schleicht sich Unbehagen ein. Die Zahl möglicher Auslöser einer Krise im Lande steigt; langsam zwar, aber sie nimmt zu. Die Wirtschaft zeigt schon lange zwei Gesichter. Während die Industrie klagt, geht es den Verbrauchern gut. Jüngste Zahlen lassen aber vermuten, dass es für beide Seiten schwieriger wird. So drohen die bislang einzig resistenten Dienstleister auf Produktionsseite ebenfalls vom Abschwung erfasst zu werden. Gleichzeitig steigt die Verschuldung der Privaten weiter, längst schon über das bedrohliche Ausmaß hinaus. Dass die Konsumfreude der Briten vom ebenfalls übertrieben anmutenden Niveau der Hauspreise abhängt, sorgt für weitere Skepsis.

Ausgerechnet in dieser Zeit weicht der britische Schatzkanzler Gordon Brown von seinem fiskalisch überaus disziplinierten Kurs ab. Die Steuerlast steigt wieder. Und zuletzt erhöhte Brown massiv die Schulden - was die Briten in den nächsten Jahren womöglich mit weiteren Steuern zahlen müssen. Dagegen gleichen die Wachstumsprognosen des Finanzministers eher einem Wunschzettel als ökonomischer Vernunft. Und zu allem Überfluss scheint auch die Zentralbank nicht mehr mitzuspielen wie bisher. Die jüngsten Zinsentscheidungen haben gezeigt, dass sie die Inflationsrate kurzfristig durchaus über das angestrebte Ziel von 2,5 % hinaus steigen lässt - solange sie unter dem Alarmwert von 3,5 % bleibt und die Verbraucher nur weiter konsumieren. Das bedeutet, dass die Zentralbanker tendenziell die Zinsen eher senken, was Anreize für Anleger in Pfund weiter verringert.

Die einzelnen Fakten dürften Anleger kaum massiv aus dem Pfund aussteigen lassen. Alle zusammengenommen, wirken bedrohlich. Analysten schätzen schon im nächsten Jahr Niveaus um 1,25 Euro je Pfund. Erholen dürfte sich der Pfundkurs nur nach einem politischen "Nein" zu einem kurzfristig angesetzten Euro-Referendum. Doch selbst das hilft nur kurz - weil es ohnehin die meisten erwarten.

Quelle: Handelsblatt

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