Noch keine Zeichen echter Erholung - Wechsel im Senat erzeugt zusätzlich Unsicherheit
Wall Street fürchtet weitere Gewinnwarnungen

Nach dem Anstieg der vergangenen Wochen sind die US-Aktienkurse ins Stocken geraten. Es gibt noch keine Anzeichen einer echten Erholung. Gewinn-Warnungen könnten in den nächsten Wochen zu weiteren Kurseinbrüchen führen. Die Änderung der Mehrheitsverhältnisse im US-Senat sorgt zusätzlich für Unsicherheit.

hus NEW YORK. Hoffen lassen vor allem die verbesserten Arbeitsmarktdaten. Die Arbeitslosenquote ging von 4,5 % im April auf 4,4 % im Mai zurück. Damit erhöht sich die Chance, dass das Konsumverhalten der US-Bürger stabil bleibt. Die Beschäftigungssituation in der Industrie ist allerdings weiterhin schwach. Dort gingen im Mai 124 000 Jobs verloren.

"Die Arbeitslosenzahlen haben zwar auf den Aktienmärkten für einen Stimmungsumschwung gesorgt, doch wir sehen immer noch keine Anzeichen für eine Wende zum Besseren in der Produktionsgüterindustrie", sagte Marktstratege Alan Ackerman vom Brokerhaus Fahnestock & Co. "Damit dürfte die Nachfrage nach Investitionsgütern weiterhin schwach bleiben." Weiterhin Vorsicht geboten ist folglich bei Werten, deren Kursentwicklung eng an das Investitionsverhalten der Industrieunternehmen gebunden ist, wie etwa der Maschinenbau oder Industrie-Software-Anbieter. Die Anleger sind verunsichert. Das beweist auch das niedriges Handelsvolumen an den großen Börsen. Die Investoren hoffen auf weitere Zinssenkungen, gleichzeitig fürchten sie, dass weitere Gewinnwarnungen einzelner Unternehmen bevorstehen.



Zuletzt haben die Telefongesellschaft Bell South und der Pharma-Konzern DuPont angekündigt, dass sie ihr Umsatz- und Gewinnziel nicht erreichen. "Der Markt befindet sich in einer Zwickmühle", sagte Chefhändler Howard Mackey vom Brokerhaus M.R. Beal & Co. "Einerseits könnte die Fed weiter die Zinsen senken, das wäre gut für die Märkte, andererseits haben die Unternehmen jetzt mit ihren Gewinn-Prognosen angefangen, viele Unternehmen werden wieder enttäuschen, darauf deuten die schlechten Zahlen aus der Industrie hin."



Machtverschiebung belastet Pharma- und Tabakwerte



Die Aktienkurse hatten in den letzten Wochen schon eine Konjunkturerholung vorweggenommen. "Wenn dann keine neuen Nachrichten kommen, geht den Märkten die Luft aus", glaubt der technische Analyst der Investmentbank Merrill Lynch, Richard McCabe. Chefstratege Jim Paulsen von der Vermögensverwaltung Wells Capital Management fürchtet: "Erst glaubten alle, wir sehen schon in der zweiten Jahreshälfte bessere Quartalszahlen, jetzt verschieben immer mehr Wall Streeter das Datum für die Wende ins nächst Jahr."



Eher als Kaufgelegenheit sehen Analysten die Änderung der Mehrheitsverhältnisse im Senat. US-Präsident George Bush muss seine Gesetzesinitiativen nach dem Seitenwechsel von Senator James Jefford in einem mehrheitlich demokratisch besetzten Senat durchsetzen. Das schreckt Investoren zurück.



Betroffen sind vor allem die Pharma-Industrie, Öl- und Energie-Aktien, Verteidigungswerte und die Zigarettenhersteller. Diese von Gesetzesregulierungen besonders stark betroffenen Branchen müssen traditionell mit mehr Einschränkungen unter einer demokratischen Mehrheit rechnen. Außerdem dürfte es für Bush jetzt schwieriger werden, höhere Verteidigungsausgaben durchzusetzen.



Kursrückgänge für Neuanlagen nutzen



Doch ein Blick auf die Kursverläufe betroffener Werte zeigt, dass sich die Kurse nach dem ersten Schreck schnell wieder erholt haben. Sowohl die Pharma-Aktie Merck wie der Tabak-Wert Philip Morris oder der Erdgas- und Ölfeld-Erforscher Apache Corp. haben sich nach ein oder zwei Tagen wieder gefangen. "Die Auswirkungen der neuen politischen Verhältnisse auf den Energie-Sektor sind schwer festzumachen und dürften erst in fernerer Zukunft deutlich werden", sagte Wertpapier-Analyst Steve Fleishman von der Investmentbank Merrill Lynch.



Die Investmentbank Salomon Smith Barney rät, Kursrückgänge für Neuanlagen zu nutzen und vergleicht die derzeitige Situation mit den Jahren 1976 bis 1980, als sich Rüstungswerte dreimal besser entwickelten als die übrigen Aktien. "Damals hatten wir nicht nur demokratische Mehrheiten im Kongress, sondern mit Jimmy Carter sogar einen demokratischen Präsidenten." Die öffentliche Meinung befürworte derzeit höhere Verteidigungsausgaben, das sei entscheidender.

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