Noch viele Milliarden notwendig
Bahn: Vorkriegstechnik und Bummelstrecken

afp BERLIN. Die Finanzmisere bei der Bahn ist noch lange nicht ausgestanden. Selbst Bahn-Chef Hartmut Mehdorn räumte am Mittwoch in Berlin ein, dass das Staatsunternehmen die Modernisierung des Streckennetzes jahrelang zu Gunsten von prestigeträchtigen Großprojekten auf die lange Bank geschoben habe. Schienennetz und Technik müssten deshalb in den kommenden Jahren mit Milliardenaufwand saniert werden.

GESPERRTE STRECKEN:

Das Netz der Bahn umfasst ingsgesamt 37.500 Streckenkilometer. Nach Angaben des Fahrgastverbandes Pro Bahn sind bundesweit bereits 400 Kilometer wegen technischer Mängel gesperrt. Dies betreffe nicht nur unbedeutende Nebenstrecken, sondern auch Haupttrassen wie die Verbindung von Jena nach Grossheringen (Thüringen), sagt Pro Bahn-Sprecher Frank Meißner. "Wenn sich der Zustand im Streckennetz weiter verschlechtert, muss massiv gesperrt werden." Bahnchef Hartmut Mehdorn räumte ein, dass die Bahn-Führung in der Vergangenheit von "unrealistischen Abschreibungszeiträumen" für die Erneuerung des Schienennetzes ausgegangen sei. Vor allem Hochgeschwindigkeitsstrecken müssten schon deutlich früher erneuert werden als nach den bislang üblichen 25 Jahren.

LANGSAMFAHRSTELLEN:

Mehdorn zufolge weist das Netz derzeit rund 2000 so genannte Langsamfahrstellen auf, an denen die Lokführer wegen schlechter Trassen die Geschwindigkeit drosseln müssen. Vielerorts könnten deshalb "die Fahrpläne nicht mehr eingehalten werden", sagt Pro Bahn-Sprecher Meißner. Verspätungen und "Bummelstrecken" seien die Folge.

TECHNIK:

Auch Stellwerke und Leittechnik bei der Bahn sind längst nicht mehr auf dem neuesten Stand. Laut Mehdorn sind 80 Prozent aller 8400 Stellwerke in Deutschland "älter als 40 Jahre". Hier seien deshalb bis 2009 Investitionen in Höhe von elf Milliarden Mark notwendig. Pro Bahn warnte die Bahn davor, weiter mit "veralteter Sicherungstechnik" zu arbeiten. Zuweilen stammten die "personalaufwändigen Stellwerke noch aus der Vorkriegszeit".

VERRECHNET:

Der Bau prestigeträchtiger Hochgeschwindigkeitsstrecken wie die ICE-Verbindungen München-Nürnberg und Frankfurt/Main-Köln und der Verkehrsknoten Berlin werden nach Angaben Mehdorns mit Mehrkosten von sechs Milliarden Mark zu Buche schlagen. Pro Bahn-Sprecher Meißner beklagt, dass dieses Geld nicht in die Sanierung des Netzes gesteckt werden könne. "Mit diesen Milliarden könnten rund 7000 Streckenkilometer auf den neuesten Stand gebracht werden."

BAHNHÖFE:

Bundesweit betreibt das Staatsunternehmen knapp 6000 Bahnhöfe. Die Modernisierung vieler Stationen sei in den vergangenen Jahren aber aus Kostengründen gleichfalls zurückgestellt worden, sagt Meißner. Abgesehen von "Konsumtempeln und Vorzeigeobjekten" wie dem Leipziger Bahnhof oder dem Berliner Ostbahnhof böten nur wenige Gebäude ein "attraktives Erscheinungsbild", das Kunden anlocken könne. Nach Medienberichten muss die Bahn wegen fehlender Mittel unter anderem die 300 Millionen Mark teure Sanierung der Bahnsteighallen in Frankfurt am Main verschieben. Im Juli hatte die Bahn bereits angekündigt, rund tausend kleinere und mittlere Bahnhöfe zu verkaufen.

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