NOK-Präsident Tröger wankt, weil ein frecher Herausforderer aufbegehrt
Hass und Intrigen im Klub der Rentner

Wenn Walther Tröger böse wird, ist schnell Schluss mit lustig. Als der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees im vergangenen Jahr in Moskau bei der Wahl der Olympiastadt 2008 auf einen Journalisten einer renommierten deutschen Tageszeitung traf, der ihn seiner Meinung nach falsch zitiert hatte, schwoll die Halsschlagader mächtig an.

DÜSSELDORF. Trögers Worte ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig und wurden zunehmend lauter - sein Gegenüber erweckte anschließend fast den Eindruck eines waidwund geschossenen Rehs. 73 Jahre alt ist der Berufsfunktionär nun, und noch immer kann er geschmeidig zwischen hartem Hund und Freundlichkeit in Person hin- und herschalten. Es ist davon auszugehen, dass er in diesen Tagen eher zur schroffen Linie tendiert. Nach zehn Jahren Präsidentschaft gibt es da einen Herausforderer, der ihm sein liebstes Spielzeug wegnehmen will.

Klaus Steinbach (48), einst ein medaillendekorierter Schwimmer, tritt am Sonntag im Nürnberger Rathaus an, um bei der NOK-Versammlung den Chef zu stürzen. Der Ausgang der Wahl gilt bislang als offen, was nicht weiter verwundert. Denn während Tröger zwar nie geliebt, aber weitgehend geachtet wurde, verkörpert auch der neue Kandidat nicht gerade jenen Typen, der die Sehnsucht nach einer schöneren Zukunft erfüllen könnte. Manche sehen Parallelen zwischen Tröger und Helmut Kohl - beide hätten nicht erkannt, dass ihre Zeit abgelaufen sei. Zugleich stellen sie aber enttäuscht fest, dass der empfindliche Steinbach eher das Gegenteil eines Gerhard Schröder ist - also medial ziemlich untauglich daherkommt.

Presseanfragen beantwortete der Medizinische Leiter der Hochwald-Kliniken im saarländischen Weiskirchen zuletzt schon mal genervt mit den Worten: "Ich kann nicht allen 450 Tageszeitungen in Deutschland zur Verfügung stehen. Fragen Sie einfach beim Sportinformationsdienst nach, denen habe ich alles gesagt."

Auch Tröger machte sich in dieser Woche lieber aus dem Staub und weilte bei einer wichtigen IOC-Tagung namens "Sport for all" in Arnheim. Funktionärsalltag, den er mag. Die Zurückhaltung in der Schlussphase des Wahlkampfes kommt nur bedingt überraschend. Es scheint die Ruhe nach und vor dem Sturm zu sein. Die Herren Steinbach und Tröger hatten die Gegenseite zuletzt schon kräftig kanoniert, auch wenn sie meist Stellvertreter ins Gefecht drückten. Der Präsident schickte einen Mitstreiter vor, um in der Hauspostille "NOK-Report" zum Rundumschlag gegen Kritiker, Medien und Steinbach anzusetzen und dem Kontrahenten um das ach so schöne Amt "Unerfahrenheit im Umgang mit sensationslüsternen Journalisten" attestieren zu lassen.

Steinbachs Fürsprecher Manfred von Richthofen, seines Zeichens Präsident des Deutschen Sportbundes und seit jeher erklärter Tröger-Gegner, wies flink darauf hin, dass es sich bei Funktionären nicht nur um "einen Kreis von Rentnern und Pensionären handeln" dürfe. Er selbst ist 68 und Mitglied im Klub. Ein anderer Sportprotagonist hatte ebenfalls keine Probleme damit, mit mächtigen Formulierungen aufzufallen und zugleich sich selbst zu karikieren. Helmut Digel, Ex-Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, wetterte in der Süddeutschen Zeitung über die massiven Versäumnisse des NOK unter der Führung Trögers. "Dass man sich nichts mehr zu sagen hat, sich teilweise sogar hasst, darf man nicht den Medien anlasten", stellte Digel fest und sprach von "inszenierten Intrigen" im NOK. Dass er selbst als Vizepräsident hätte Einfluss nehmen können, verschwieg er.

Nicht minder kühn klang seine Meinung zur Antidopingpolitik: "Hier hat das NOK immer nur eine untergeordnete Rolle gespielt, das ist einer der gravierendsten Fehler." Zur Erinnerung: Im Dopingfall Baumann gab genau dieser Digel einst eine höchst fragwürdige und kümmerliche Figur ab. Die kollektive Unglaubwürdigkeit der Führungspersonen im olympischen Sport hier zu Lande scheint genau jener Punkt zu sein, der die Wirtschaft zur Zurückhaltung veranlasst. Waren vor sechs Jahren mit Unternehmen wie Adidas, Lufthansa, Bayer, Deutsche Telekom und Volkswagen noch zahlreiche Dax-Werte als Unterstützer des deutschen Olympiateams aktiv, so ist davon heute in vorderster Linie nur noch Adidas übrig geblieben.

Immer wieder klagen die Firmen darüber, dass sich NOK und DSBnicht einig sind. Beide Organisationen mühen sich um die selben möglichen Sponsoren und nerven damit nicht nur die Marketingchefs. "An den Argumenten für die Fusion von DSBund NOK hat sich nichts geändert. Sie würde den deutschen Sport organisatorisch, wirtschaftlich und politisch stärken", sagt IOC-Mitglied Thomas Bach. Der Steinbach-Freund fügt hinzu: "Aber ich weiß auch, dass dafür die sportpolitische Mehrheit fehlt."

Der seit Jahren diskutierte und von Wirtschaftsvertretern geforderte Zusammenschluss wird von den Präsidenten Tröger und Richthofen strikt abgelehnt. Nicht unbedingt aus sach- und fachlichen Gründen, sondern weil sie persönlich nicht miteinander können und einer auf sein Amt verzichten müsste. Selbst bei einer Wahl Steinbachs, für die sich die Hochsprung-Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung per Leserbrief ausspricht, wird sich daran nichts ändern. Der Ex-Schwimmer hat klargemacht, dass sich unter seiner Führung an der NOK/DSB-Konstellation nichts ändern wird. Kontinuität ist dem deutschen Sport also sicher - eine fragwürdige.

Quelle: Handelsblatt

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