Nominierungsrede wird als Erfolg gewertet
Zuckerwatte für die amerikanische Volksseele

Auf der Bühne stehen zwei riesige US-Flaggen. Im New Yorker Madison Square Garden wird es plötzlich dunkel, dann kreisen gleißende Scheinwerfer über den knapp 5000 Delegierten des Parteitages der Republikaner. Es kommt Präsident George W. Bush, und die Halle tobt.

NEW YORK. "Wir wollen, dass die Amerikaner selbst entscheiden können, was sie mit ihrem Geld machen", sagt er in seiner Nominierungsrede. "Freiheit" ist in der Nacht zum Freitag das Schlüsselwort. Ob Renten- oder Krankenversicherung: Bush will die US-Bürger mit Steuererleichterungen ködern, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Die Delegierten bekommen glänzende Augen, immer wieder prasselt frenetischer Beifall nieder.

Auch im außenpolitischen Teil der Bush-Rede wird "Freiheit" zum magischen Begriff. "Wir sorgen für demokratische Regierungen im Nahen Osten, und Amerika sowie die gesamte Welt werden sicherer." Kategorien aus der einfachen Welt einer Schwarz-Weiss-Mechanik. Rhetorische Zuckerwatte für Amerikas Volksseele. Der Präsident redet ruhig und verzichtet in dieser Nacht völlig auf ätzende Polemik. Es ist eine Rede für die Wohnzimmer der Fernseh-Nation. Vor allem Wechselwähler sollen angesprochen werden.

Die US-Fernsehsender überschlagen sich und bezeichnen Bushs Ansprache später als "die beste seiner Amtszeit". Der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry hat es jetzt besonders schwer. Er wurde in den letzten Wochen massiv attackiert, blieb aber zu sehr in der Deckung. Nach Bushs Rede versammeln sich vor dem Madison Square Garden wütende Demonstranten. Spießrutenlauf für die republikanischen Delegierten. "Schande über euch", skandieren die Protestler. "Millionen für den Krieg, nichts für die Armen", brüllen die Demonstranten.

Die Stimmung strotzt vor Aggressivität, Hass liegt in der Luft. Amerika ist ein gespaltenes Land. In der 6th Avenue hält die Schauspielerin Jennifer ein Schild hoch: "1,1 Millionen Jobs weg", steht darauf. Hat Kerry schon verloren? "Kurz vor den Vorwahlen hat man ihn auch schon abgeschrieben", tröstet sie sich. "Ich hoffe, er startet auch dieses Mal wieder durch."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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