Nordallianz bereitet Offensive auf Massar-i-Scharif vor
US-Gesandte trafen sich über 20 Mal mit Taliban

Die "Washington Post" berichtete am Montag unter Berufung auf ungenannte Regierungsvertreter, bei den teils offiziellen, teils geheimen Beratungen sei es um die Möglichkeit einer Auslieferung bin Ladens gegangen. Das letzte Treffen habe nur wenige Tage vor dem 11. September stattgefunden.

afp/ap WASHINGTON/KABUL. Vertreter der US-Regierung haben sich Presseberichten zufolge seit 1998 mindestens 20 Mal mit Taliban-Vertretern zu Verhandlungen über den mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden getroffen. Taliban-Gesandte hätten sich unter bestimmten Bedingungen zur Auslieferung bin Ladens bereit erklärt, hieß es. Vertreter des US-Außenministeriums hätten jedoch jahrelang darauf bestanden, dem aus Saudi-Arabien stammenden Millionär in den USA den Prozess machen zu wollen.

Der "Washington Post" zufolge hatten die US-Abgesandten Schwierigkeiten bei den diplomatisch unerfahrenen moslemischen Geistlichen und konnten Rivalitäten innerhalb der Taliban-Miliz nicht ausnutzen.

Unterdessen haben US-Kampfflugzeuge am Montag die südostafghanische Taliban-Hochburg Kandahar bombardiert. Die Jets hätten am frühen Morgen (Ortszeit) innerhalb einer Stunde drei Bomben über der Stadt abgeworfen, teilte der stellvertretende Chef der Taliban-Nachrichtenagentur Bachtar, Abdul Wakil Omari, mit. Angaben über Verletzte oder Tote wurden nicht gemacht. Russische Grenzsoldaten berichteten unterdessen über Kämpfe zwischen Taliban-Kräften und der Nordallianz nahe der Grenze zu Tadschikistan. Am Sonntag seien wenige Kilometer von der Grenze entfernt in der Taliban-kontrollierten Provinz Kundus rund ein Dutzend Explosionen sowie Fluglärm zu hören gewesen.

Ein Sprecher der oppositionellen Nordallianz kündigte derweil eine neue Offensive auf die im Norden gelegene Stadt Masar-i-Scharif an. Nach Unterstützungsangriffen der US-Luftwaffe habe ein eigens einberufener Kriegsrat mehrerer Kommandeure beschlossen, den Vorstoß in den kommenden "zwei bis drei Tagen" zu beginnen.

Amerikanische Kampfflugzeuge hatten nach Angaben eines Reporters der Nachrichrtenagentur AP bereits am Sonntagabend Stellungen des Taliban-Regimes nördlich von Kabul bombardiert.



Bei den Luftangriffen wurden am Sonntagmorgen erneut Wohnhäuser in Kabul getroffen. Anwohner berichteten von mindestens 13 Toten im nördlichen Stadtteil Kali Hotair, die noch am gleichen Tag beerdigt wurden. Ein AP-Reporter meldete, er habe die Leichen von vier Kindern und zwei Männern gesehen. Am Abend wurden nahe der Straße zum Luftwaffenstützpunkt Bagram fünf heftige Explosionen in kurzer Folge gehört. Der 50 Kilometer nördlich von Kabul gelegene Stützpunkt wird von der Nordallianz des gestürzten Präsidenten Burhanuddin Rabbani gehalten. In der afghanischen Hauptstadt wurde am Sonntagabend abermals die Stromversorgung unterbrochen.

US-Luftwaffe flog die bislang schwersten Angriffe

Erst am Samstag waren offenbar irrtümlich drei Dörfer getroffen worden: Ghanicheil und Raki im Gebiet der gegen die Taliban kämpfenden Nordallianz, sowie Nichahil auf Seiten der Taliban. Nach Aussage von Bewohnern wurden acht oder neun Bewohner getötet und zehn verletzt. Die US-Luftwaffe flog am Samstag ihre bislang schwersten Angriffe auf die nördlichen Taliban-Frontstellungen seit Beginn des Krieges am 7. Oktober. Der Außenminister der afghanischen Exilregierung, Abdullah, begrüßte am Sonntag die verstärkten Luftangriffe zur Unterstützung der Nordallianz. Die Bombardierung von Ghanicheil sei allerdings ein tragischer Fehler gewesen.

Freiwillige nach Afghanistan unterwegs

In Norden Pakistans sammelten sich unterdessen rund 5000 Männer, die an der Seite der Taliban gegen die USA kämpfen wollen. Die in Temergarah zusammengekommene Menge führte Schnellfeuergewehre und Raketenwerfer sowie Äxte und Schwerter mit sich. An anderen Grenzabschnitten sollen sich ebenfalls tausende von Freiwilligen auf den Weg nach Afghanistan gemacht haben. Der einflussreiche pakistanische Geistliche Sufi Mohammad hatte in den vergangenen Tagen Moslems aus allen Teilen des Landes zum Heiligen Krieg gegen die USA aufgerufen.

Schröder sagte Pakistan Hilfe zu

Der pakistanische Militärmachthaber Musharraf kritisierte in einem Interview des amerikanischen Fernsehsenders ABC, nahezu drei Wochen unablässiger Luftangriffe hätten es nicht vermocht, die Herrschaft der Taliban zu erschüttern oder die Nordallianz in die Lage zu versetzen, nennbare Geländegewinne zu erzielen. Musharraf traf am Sonntag in Islamabad mit Bundeskanzler Schröder zusammen. Der deutsche Regierungschef sagte Pakistan eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit und Kredithilfen zu. Außerdem werde er sich beim Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank dafür einsetzen, dass Pakistan der Abbau seiner Verschuldung erleichtert werde, sagte Schröder.

Der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz wies Kritik am Einsatz von Streubomben in Afghanistan zurück. Die USA befänden sich im Krieg und würden alle Waffen einsetzen, um diesen Krieg zu gewinnen, sagte Wolfowitz in einem Interview der Londoner Zeitung "Sunday Telegraph". Streubomben bestehen aus mehreren bis zu 140 Kilogramm schweren Sprengsätzen, die großflächig Splitter mit der Geschwindigkeit von Geschossen verteilen.

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