Nordallianz-Führer: "Wir brauchen Zeit“
Der Schlüssel zum Sieg

Die Einnahme von Masar-i-Scharif durch die Nordallianz gilt als entscheidend für einen Durchbruch in Afghanistan.

ap TASCHKENT. Mehr als ein Jahrhundert lang war Masar-i-Scharif das Zentrum der Baumwoll- und Agrarregion Nordafghanistans, zunächst als Zentrum örtlicher Herrscher, später als wichtigste Garnisonsstadt der Sowjets. Seit Wochen haben sich die Kämpfer der oppositionellen afghanischen Nordallianz in Stellungen rund um die strategisch wichtige Stadt eingegraben, denn ihre Einnahme gilt als Schlüssel für den Sieg über die herrschenden Taliban.

Doch die Kommandeure der Nordallianz sind untereinander zerstritten und den Taliban militärisch unterlegen. Die USA hoffen trotzdem, dass es dieser Zweckgemeinschaft gelingt, den Taliban die entscheidende Niederlage zuzufügen und Masar-i-Scharif einzunehmen. Am Mittwoch flogen US-Kampfjets Angriffe auf die Stadt, doch ohne massive militärische Unterstützung wird diese kaum an die Taliban-Gegner fallen. Seit Tagen schon bombardieren die Amerikaner verstärkt Frontstellungen der Taliban zur Nordallianz, seit Tagen kündigt die Nordallianz den Beginn der Offensive auf Masar-i-Scharif an - doch bislang ohne sichtbaren Erfolg. Unter der Hand gestehen selbst die Kämpfer der Nordallianz ein: Die Stadt ist uneinnehmbar - bislang jedenfalls.

Nordallianz-Führer: "Wir brauchen Zeit"

"Masar wird nicht bald fallen", prophezeite Nordallianz-Führer Mohammed Hascham Saad dieser Tage in Usbekistan und fügte an: "Wir brauchen Zeit." Die bisherige Strategie der Nordallianz, die Taliban um Masar-i-Scharif direkt anzugreifen, brachte kaum Erfolg. Schwerere Waffen wie Panzer und Artillerie brachten den Taliban immer wieder Vorteile. Zudem sind ihre Truppen geeint. Seit mehreren Tagen ändert die Nordallianz ihre Taktik und zieht einen Belagerungsring um die Stadt, in der Absicht, die Versorgung des Gegners abzuschneiden. 5 000 Kämpfer hat die Nordallianz dazu zusammengezogen, Schätzungen zufolge kämpfen auf Taliban-Seite in diesem Gebiet aber deutlich mehr Soldaten.

Einige Experten prophezeien bereits, dass die Nordallianz Masar-i-Scharif nicht wird einnehmen können. "Sie sind vielleicht stark genug, um einige Versorgungslinien abzuschneiden aber nicht, um einen Belagerungsring um die Stadt zu ziehen", sagt Charles Herman, Redakteur von "Jane's World Armies" in London, "sie haben nicht genug Soldaten, sind nicht gut genug ausgebildet und haben nicht die notwendige Logistik." Die Einnahme von Masar-i-Scharif gilt deshalb als entscheidend, weil dies einen Landweg für den Nachschub schwerer Waffen aus Usbekistan eröffnen würde. 55 Kilometer nördlich der Stadt verläuft die Grenze zu der früheren Sowjetrepublik.

Normaler Alltag im "Grab der Heiligen"

Während sich vor den Toren von Masar die Kämpfer seit Wochen einen Stellungskrieg liefern, hat sich am Alltag der Bewohner wenig geändert. "Die Stadt ist von den Kämpfen kaum betroffen", sagt Mahoob Scharif vom Kinderhilfswerk Unicef. Noch immer gebe es Wasser und Strom, selbst die Telefonleitungen funktionierten noch. Scharif musste wie alle ausländischen UN-Mitarbeiter Afghanistan am Tag nach den Anschlägen in New York und Washington verlassen. Nun bleibt ihm nur noch der Telefonkontakt zu den afghanischen UN-Mitarbeitern.

Masar-i-Scharif bedeutet so viel wie "Grab der Heiligen", hier soll auch Kalif Ali, Schwiegersohn des Propheten Mohammed, begraben liegen. Im Zentrum des schiitischen Wallfahrtsortes stehen zwei Moscheen. Im Gegensatz zur Hauptstadt Kabul wurde Masar-i-Scharif im Bürgerkrieg der vergangenen Jahre kaum zerstört. Zwei Mal nahmen die Taliban die Stadt ein. 1997 wurden sie nach kurzer Zeit an der Macht vertrieben, mindestens 2 000 Kämpfer wurden anschließend umgebracht. Ein Jahr später kehrten die Gotteskrieger zurück und rächten sich: Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen töteten sie 2 000 Tadschiken, Usbeken und Schiiten.

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