Nordallianz kommt trotz US-Luftunterstützung nicht voran
Hoffnungen auf schnellen Sieg über Taliban zerbröseln

Nach über drei Wochen amerikanischen Luftkriegs gegen die Taliban-Machthaber in Kabul und die von ihnen beherbergten Terroristen sind die Hoffnungen auf einen schnellen Sieg über die fanatischen islamischen Krieger zerbröselt.

ap BAGRAM/AFGHANISTAN. Geschosseinschläge und Detonationen scheinen von allen Seiten zu kommen. Die Kämpfer der Nordallianz und der Taliban-Milizen schießen mit schwerem Geschütz aufeinander, dazwischen fliegen die US-Flugzeuge ihre Kampfeinsätze gegen die Taliban und deren Verbündete. Doch Gefechtslärm und splitternde Bomben täuschen nur den Neuankömmling darüber hinweg, dass hier eigentlich ein Stellungskrieg herrscht.

Doch für ein Nachlassen der Kräfte oder ein Ende der Ressourcen der Mullah-Milizen gibt es keinerlei Anzeichen. Die oppositionelle Nordallianz, die die USA gern zu ihren Bodentruppen gemacht hätten, kommt dagegen mit ihren Bemühungen, die Taliban zurückzudrängen, nicht voran.

Afghanen erinnern sich nicht gern an das Chaos unter den widerstreitenden Mudschaheddin-Fraktionen

Trotzdem wollen die Allianztruppen schon in den nächsten Tagen eine neue Offensive zur Eroberung von Masar-i-Scharif, der strategisch wichtigen Hauptstadt der Provinz Balch, beginnen. Aber ohne verstärkte US-Luftunterstützung dürfte das nicht zu machen sein, wie der erste gescheiterte Versuch eines Vormarsches auf Masar-i-Scharif gezeigt hat, der vor einer Woche von den Taliban zurückgeschlagen wurde.

Allianz-Sprecher Aschraf Nadim erklärte denn auch am Montag, ohne verstärkte Luftunterstützung der USA sei das Ziel, Masar-i-Scharif bis zum Beginn des Fastenmonats Ramadan Mitte November zu erobern, nicht zu verwirklichen. Es gibt mittlerweile erste Anzeichen dafür, dass die USA dazu bereit sind. So erklärte die Pentagon-Sprecherin Victoria Clark, die Luftstreitkräfte würden ihre Aktionen bis zur afghanisch-tadschikischen Grenze nördlich von Masar-i-Scharif ausdehnen. Dort stoßen die Kämpfer der Nordallianz auf besonders heftigen Taliban-Widerstand.

Der mangelnde Erfolg der Nordallianz hat nach Ansicht von Landeskennern und Beobachtern viele Ursachen. Während die Taliban zu allem entschlossene Gesinnungstäter sind, setzt sich die Nordallianz aus vielen rivalisierenden Gruppen zusammen, die eigentlich nur die gemeinsame Gegnerschaft gegen die Taliban eint. Mit Grausen erinnern sich noch viele Afghanen an die Zeit, als die Gruppen, die heute die Nordallianz ausmachen, das Land beherrschten und es mit den unablässigen Kämpfen untereinander in weit größeres Chaos stürzten, als der zehn Jahre währende Guerillakrieg gegen die sowjetische Besatzungsmacht und die von ihr geschützte Regierung das vermocht hatte. Dass heute in Kabul kaum noch ein Stein auf dem anderen steht, ist weder dem Wüten der Taliban noch den amerikanischen Luftangriffen zuzuschreiben, sondern den Straßenkämpfen der selbst ernannten Gotteskrieger, die sich so lange um den Besitz der Hauptstadt schlugen, bis die schwer heimgesuchte Bevölkerung sogar die zelotischen Taliban als Befreier begrüßte.

Paschtunen in der Nordallianz unterrepräsentiert

Kein Wunder also, dass sich in Kabul niemand die "Warlords" der Nordallianz zurückwünscht und lieber weiter den religiösen Terror der Koranschüler erträgt. Dazu kommt, dass in der Nordallianz die Paschtunen, mit 40 Prozent der Bevölkerung die stärkste Volksgruppe des Landes, stark unterrepräsentiert sind. So hat sich auch die Hoffnung der USA auf größere Mengen von Überläufern auf Seiten der Taliban bisher nicht erfüllt, die im Gegensatz zur Nordallianz dazu noch Zulauf aus dem Ausland erhalten. Dennoch muss der Westen weiter auf die Nordallianz setzen, wenn er weiter am Ziel des Sturzes der Taliban festhält. Denn sie ist die einzige Alternative zu einem Einsatz ausländischer Bodentruppen, den im Grunde niemand will, wie der Afghanistan-Experte Anthony Davis kürzlich in der Fachzeitschrift "Jane's Defense Weekly" schrieb.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%