Nordallianz meldet Eroberung von Provinz
US-Truppen in Pakistan

Mit den bislang heftigsten Luftangriffen auf Ziele in Afghanistan hat die US-Luftwaffe am Donnerstag den Druck auf das Taliban-Regime verstärkt. In mehreren Angriffswellen bombardierten Kampfflugzeuge unter anderem Ziele in Kabul und der Taliban-Hochburg Kandahar. Dabei wurden nach Angaben der Miliz allein in Kandahar und Dschalalabad mindestens 28 Menschen getötet. Pakistan bestätigte erstmals die Anwesenheit von US-Truppen auf seinem Territorium. Die oppositionelle Nordallianz eroberte nach eigenen Angaben die strategisch wichtige mittelafghanische Provinz Gur.

ap/afp KABUL/ISLAMABAD/ WASHINGTON. Die Taliban warfen den USA vor, bei den Angriffen auf Ziele in Afghanistan Zivilisten ins Visier zu nehmen. Mehr als 70 Zivilpersonen seien bislang bei den Angriffen ums Leben gekommen, erklärte der Taliban-Botschafter in Pakistan, Abdul Salam Saif, in Islamabad. Das Pentagon lüge, wenn es sage, Zivilisten würden nicht getroffen. Auf die Frage zu Berichten, dass die Taliban Beschränkungen gegen den mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden aufgehoben hätten, damit dieser weltweit einen Heiligen Krieg gegen die USA führen könne, sagte Saif: "Es gibt noch eine Beschränkung", dass Bin Laden den Boden Afghanistans nicht zum Angriff auf andere Staaten nutzen dürfe.

Nach Angaben der Taliban sind bei den jüngsten Angriffen der US-Streitkräfte mehr als einhundert Bewohner eines Dorfes im Osten des Landes getötet worden. Die meisten von ihnen seien Frauen, Kinder und ältere Männer gewesen, meldete die Taliban-Nachrichtenagentur Bachtar am Donnerstag. Danach hielten die US-Flugzeuge das Dorf etwa 40 Kilometer südlich von Dschalalabad irrtümlich für ein Trainingslager von Terroristen. Der in der Nähe von Dschalalabad gelengene Ort Kurram sei drei Mal bombadiert und dem Erdboden gleichgemacht worden. Das hätten Angehörige von 12 Verletzten berichtet, die nach Dschalalabad gebracht worden seien, berichtete die in Pakistan ansässige Agentur AIP.

Blitze erhellten Himmel über Kabul

In Kabul waren am Mittwochabend während der mehr als zweistündigen ersten Angriffswelle heftige Explosionen aus dem Norden, Westen und Osten der Stadt zu hören. Am östlichen Stadtrand, wo sich eine Militärakademie und Kasernen befinden, detonierten in rascher Abfolge zahlreiche Bomben. Bei ihrem Aufschlag bebten die Erde und Gebäude noch in zehn Kilometern Entfernung, der Nachthimmel wurde durch Blitze erhellt. Die Taliban-Miliz erwiderte die Angriffe mit Flugabwehrfeuer. Nach Mitternacht griffen Kampfjets erneut an und nahmen Ziele in der Nähe des Kabuler Flughafens unter Beschuss. Mindestens elf heftige Detonationen waren zu hören. Das Gebiet um den Flughafen war in dichten schwarzen Rauch gehüllt. Angriffe richteten sich auch gegen den Militärstützpunkt Schamschaad, der nur sechs Kilometer nördlich der pakistanischen Grenze liegt.



Die USA intensivierten am Donnerstag nach Berichten von Flüchtlingen auch die Angriffe auf die südafghanische Stadt Kandahar. Die Bombardierung löste einen Flüchtlingsstrom in Richtung der pakistanischen Grenze aus. Ankommende Flüchtlinge berichteten, die Bombardements in der vergangenen Nacht seien deutlich schwerer gewesen als die vorangegangenen Angriffe. Nach Angaben der Taliban wurden in Kandahar 18 Menschen getötet und mindestens 25 verletzt. Bei einem Angriff auf eine Moschee bei Dschalalabad seien 15 Menschen getötet worden, hieß es weiter.

Pakistan gestattet USA Nutzung von Luftwaffenstützpunkten

Islamabad gab unterdessen erstmals die Anwesenheit von US-Soldaten auf pakistanischem Territorium bekannt. Bei den US-Soldaten handele es sich jedoch nicht um Kampftruppen, betonte ein Regierungssprecher. Die US-Truppen würden Afghanistan nicht von pakistanischem Gebiet aus angreifen. Pakistan leiste den USA logistische Unterstützung und habe nachrichtendienstliche Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Aus Regierungskreisen verlautete, Pakistan habe den USA die Nutzung mehrerer Luftwaffenstützpunkte gestattet. Mindestens 15 US-Militärflugzeuge, darunter Transportmaschinen vom Typ C-130, seien in den vergangenen zwei Tagen auf dem Stützpunkt Jacobabad, 500 Kilometer nordöstlich von Karachi, gelandet. Auch die Nutzung der Basis Pasani sei angeboten worden, die in einer abgelegenen Gegend westlich von Karachi liegt.

Die Nordallianz meldete unterdessen die Eroberung der Provinz Gur. Sprecher Mohammed Abil sagte, die Nordallianz habe Gur inklusive der Provinzhauptstadt Chakhcharan kurz nach Mitternacht eingenommen. Heftige Kämpfe hätten bis in die Morgenstunden in mehreren Provinzen angedauert, so Abil. Die Provinz Gur gilt wegen ihrer zentralen Lage als Schlüsselregion. Von Chakhcharan aus könnte die oppositionelle Miliz weiter Richtung Osten auf die Hauptstadt Kabul oder auf die südlich gelegenen Städte Herat und Kandahar vorrücken. Diese drei Städte sind derzeit noch in der Hand der herrschenden Taliban. Die Taliban bestätigten den Gebietsverlust zunächst nicht. Taliban-Botschafter Saif wies in Islamabad jedoch die Darstellung der Nordallianz zurück, wonach Taliban-Kämpfer in großer Zahl zur Opposition übergelaufen seien.

Taliban-Führer ruft Moslems zu Unterstützung auf

Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar rief bei seiner ersten öffentlichen Äußerung seit Beginn der Militäraktion alle Moslems zur Unterstützung Afghanistans auf. In einer Botschaft Omars, die die britische BBC und der Sender Voice of America auf ihren Webseiten veröffentlichten, hieß es, die US-Streitkräfte seien zwar stark, aber nicht unbesiegbar. Jeder gläubige Moslem sollte entschlossen gegen die "egoistische Macht" handeln. Aus US-Regierungskreisen verlautete, bei den ersten Angriffen auf das Taliban-Quartier in Kandahar seien am Sonntag auch zwei männliche Verwandte Omars getötet worden. Zudem soll ein ranghoher Taliban-Vertreter bei Angriffen aus Masar-i-Scharif ums Leben gekommen sein.

In Washington wurde zudem verkündet, dass in der nächsten Phase der Militärschläge wahrscheinlich lasergesteuerte Bomben zum Einsatz kommen sollen. Diese 2 250 Kilogramm schweren Bomben, die GBU-28, könnten beispielsweise Bunker oder unterirdische Kommandozentralen zerstören, hieß es aus Kreisen des Pentagon. Zugleich würden Kampfflugzeuge mit dem Abwurf von Streubomben beginnen.

FBI-Ermittler treffen deutsche Behördenvertreter

Die US-Regierung setzte nach der Veröffentlichung einer Liste mit den Namen von 22 mutmaßlichen Topterroristen eine Belohnung von maximal fünf Mill. Dollar aus für Hinweise, die zur Ergreifung eines der Gesuchten führen. Ermittler der Bundespolizei FBI trafen in Washington mit Vertretern der deutschen Behörden zusammen. Einzelheiten der Unterredung wurden zunächst nicht bekannt. Mindestens drei der 19 mutmaßlichen Flugzeugentführer haben zeitweilig in Deutschland gelebt.

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