Nordallianz-Troika will Schlüsselressorts
Afghanistan-Konferenz: Regierungschef bestimmt

Der südafghanische Paschtunen-Führer Hamid Karsai soll Chef der provisorischen Regierung in Kabul werden. Karsai (44) sei von den Delegierten der Afghanistan-Konferenz bei Bonn am Dienstag als Übergangsregierungschef bestätigt worden, verlautete aus UN-Kreisen.

dpa/ap BONN. Karsai war von den Vereinten Nationen und dem Westen als Wunschkandidat für die Regierungsspitze ins Spiel gebracht worden. Eine offizielle Bestätigung lag zunächst nicht vor. Karsai nimmt an der Konferenz auf dem Petersberg nicht teil.

Zuvor hatte sich Kabul zum zweiten Mal in drei Tagen in die Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg eingemischt und die Verhandlungen zeitweise vom Kurs abgebracht. Erst Telefonanrufe von Bundesaußenminister Joschka Fischer und amerikanischen Diplomaten konnten den noch amtierenden Nordallianz-Präsidenten Burhanuddin Rabbani zum Einlenken bewegen. "Ich schließe nicht aus, dass er die ganze Nacht überlegt hat, was er als nächsten Schachzug plant", sagte am Dienstag ein diplomatischer Beobachter in Königswinter bei Bonn.

Politische Zukunft gehört junger Troika

Aber selbst in der Delegation der Nordallianz (Vereinigte Front) werden dem alternden Rabbani kaum noch Chancen auf eine Erhaltung seiner Macht eingeräumt. Die politische Zukunft gehört der jungen Troika der Nordallianz: ihr Außenminister Abdullah, Militärchef Abdul Kassim Fahim und der Delegationsleiter auf dem Petersberg, Junus Kanuni. Alle drei kommen aus dem Pandschschir-Tal und sind wie Rabbani tadschikische Afghanen, die einen Anteil von etwa 30 % an der Gesamtbevölkerung stellen. Abdullah, Fahim und Kanuni gelten als aussichtsreiche Anwärter für die Schlüsselressorts Äußeres, Verteidigung und Inneres in der in Königswinter vereinbarten Interimsregierung. Wenn diese Troika zusammenhalte, habe Rabbani keine Chance mehr, sagte der Beobachter der Verhandlungen auf dem Petersberg. "Dann ist das Spiel für Rabbani vorbei, dann ist er ein Mann für das Altenteil."

Wohl deswegen stemmt sich der 61-Jährige islamische Theologe dem politischen Prozess zur Neuordnung Afghanistans entgegen, wie er in Königswinter bei Bonn angestoßen wird. Am Freitag wies er seine Delegation an, keinen personellen Entscheidungen in Deutschland zuzustimmen. Und am Montag verlangte er, dass Kanuni und die anderen Mitglieder der Delegation zu Beratungen nach Kabul zurückkehren sollten. "Das wäre eine unglaubliche Verzögerung gewesen", sagte der Beobachter.

Ämter und Ressorts in Interimsregierung gewichtet

Um die Hängepartie zu beenden, musste wie schon am Freitag wieder diplomatischer Druck aus dem Westen ins Spiel kommen. Diesmal griff auch Bundesaußenminister Joschka Fischer gegen 19 Uhr zum Telefon und sprach über einen Dolmetscher mit Rabbani. Fischer wies darauf hin, dass die Konferenz kurz vor einem erfolgreichen Abschluss stehe und äußerte die dringliche Bitte, Bewegung in die Sache zu bringen. Danach telefonierten auch die US-Diplomaten auf dem Petersberg mit Kabul, so dass die Nordallianz gegen Mitternacht endlich ihre Vorschlagsliste für die Besetzung der Interimsregierung einreichte. Eine Gegenleistung soll Rabbani nicht erhalten haben.

In den neuen Übergangsgremien ist bisher kein Platz für den Mann vorgesehen, der in der Bürgerkriegszeit von 1992 bis 1996 als Präsident mehrfach einen bereits vereinbarten Rücktritt abgelehnt hatte und auch nach seinem Sturz durch die Taliban von den Vereinten Nationen weiter als Präsident anerkannt wurde. Hingegen soll der andere große alte Mann der afghanischen Politik, der 87-jährige Exkönig Mohammed Sahir Schah, die Loja Dschirga, also die Große Ratsversammlung mit Vertretern aus allen Landesteilen, eröffnen und auch an ihr teilnehmen. Der zukünftige Vorsitzende der Interimsregierung, der paschtunische Stammesführer Sajed Hamid Karsai, kann auf die Unterstützung der Paschtunen mit einem Bevölkerungsanteil von etwa 40 % bauen und hat zudem den Vorteil, dass er über eine eigene Hausmacht in Afghanistan verfügt.

Die afghanischen Delegierten hatten sich am Dienstag gleich nach dem Frühstück zu den Verhandlungen über die personelle Besetzung der Interimsregierung zusammengesetzt - noch einmal ein dicker Brocken für die Afghanistan-Konferenz.

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