Nordallianz will alle Volksgruppen an Regierung beteiligen
Schlinge um bin Laden zieht sich offenbar enger

Nach dem Rückzug der Taliban aus weiten Teilen Afghanistans zieht sich die Schlinge um den mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden offenbar immer enger. Nach britischen Zeitungsberichten kreisten britische und US-Sondereinheiten bin Laden am Wochenende in einem rund 80 Quadratkilometer großen Gebiet nahe der Taliban-Hochburg Kandahar ein.

afp KANDAHAR/WASHINGTON. Die Taliban machten widersprüchliche Angaben zum Verbleib bin Ladens, den die USA für die Terroranschläge vom 11. September verantwortlich machen. Nach der Rückkehr nach Kabul von Präsident Burhanuddin Rabbani aus dem fünfjährigem Exil versuchte die Nordallianz Befürchtungen zu zerstreuen, sie wolle die politische Macht an sich reißen.

Die "Sunday Times" und der "Sunday Telegraph" berichteten übereinstimmend unter Berufung auf Militärkreise, britische und US-Elite-Einheiten hätten bin Laden südöstlich von Kandahar den Fluchtweg abgeschnitten. Nach Angaben des "Innenministers" der Nordallianz, Junis Kanuni, hält sich der Fundamentalistenführer in der Ortschaft Maruf etwa 130 Kilometer östlich von Kandahar auf. Die US-Regierung geht nach den Worten von Außenminister Colin Powell nach wie vor davon aus, dass sich bin Laden in Afghanistan aufhält. Es werde für bin Laden immer schwerer, sich zu verstecken, sagte Powell in Washington.

Die Taliban versuchten, bin Ladens Verbleib zu verschleiern: Ihr Botschafter in Pakistan, Abdul Salam Saif, widersprach sich am Wochenende mehrmals selbst in dieser Frage. Zuletzt sagte er, der mutmaßliche Drahtzieher der Terroranschläge in den USA sei weiterhin "Gast" der Taliban. Zuvor hatte er erklärt, er befinde sich nicht mehr in von den Taliban kontrolliertem Gebiet. Am Samstag hatte Salam Saif einen Bericht des katarischen Fernsehsenders El Dschasira dementiert, der ihn mit den Worten zitierte, bin Laden sei zusammen mit Ehefrauen und Kindern an einen unbekannten Ort geflohen.

Rabbani kehrte am Samstag nach fünf Jahren im Exil nach Kabul zurück und kündigte eine baldige Regierungsbildung unter Einbeziehung aller Bevölkerungsgruppen an. Nordallianz-"Außenminister" Abdullah Abdullah sagte nach einem Gespräch mit dem US-Gesandten James Dobbins in der usbekischen Hauptstadt Taschkent, die Nordallianz strebe eine von der UNO anerkannte Regierung unter Einbeziehung aller Volksgruppen an. Dabei sollten auch die Paschtunen, aus der die Taliban-Miliz mehrheitlich besteht, "eine wichtige Rolle" spielen. Abdullah kündigte ein Treffen mit Stammesvertretern und UN-Gesandten für die kommenden Tage an. Als mögliche Gastländer für eine UN-Konferenz zu Afghanistan nannte er Deutschland, Österreich und die Schweiz. Einige Führer der in Kandahar verschanzten Taliban wollen sich nach Angaben des paschtunischen Oppositionsführers Hamid Karsai an der künftigen Regierung beteiligen.

Kundus, die letzte von den Taliban kontrollierte Stadt im Norden des Landes, stand am Sonntag offenbar kurz vor dem Fall. Taliban-Kommandeure verhandelten nach Angaben von Nordallianz-"Innenminister" Junis Kanuni über eine bedingungslose Kapitulation. In Kundus sitzen mehrere tausend Taliban-Kämpfer und verbündete arabische Kämpfer fest. Die US-Armee setzte ungeachtet des Beginns des Fastenmonats Ramadan ihre Angriffe auf die verbliebenen Taliban-Bastionen mit unverminderter Härte fort. Die Taliban bestätigten am Sonntag den Tod des El-Kaida-Militärchefs Mohammed Atef bei einem US-Angriff nahe Kabul.

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