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Norddeutscher Regen an Bermudas verkauft

Zu warm? Zu kalt? Zu nass? Zu trocken?

Jeder in Deutschland kennt folgende Rechnung: Sonniges Wetter unter der Woche = Grillparty am Samstag = Regen in Strömen. Doch das Geschäft mit dem Wetter zählt bislang noch zu der Kategorie "exotische Finanzgeschäfte". Dabei ist eines klar: Trotz Chaostheorie, weltumspannender Satellitenbeobachtung, Hochleistungs-Rechenzentren und immer engmaschigerer Wetterstationen a la Kachelmann: Das Wetter bleibt unberechenbar und Verluste wetterabhängiger Unternehmen ebenfalls.

Dennoch zählt der Handel mit Wetterderivaten, in Europa noch zu den Raritäten. So klingt das am Dienstag bekannt gegebene Geschäft des norddeutschen Dahlenburger Elektritätswerkes mit der internationalen Rückversicherungsgesellschaft, Element-Re, mit Sitz auf den Bermudas zunächst wie ein Witz. Es enpuppt sich jedoch bei näherer Wetterbeobachtung als klimatologisch abgesichertes seriöses Versicherungsgeschäft.

Denn das deutsche Unternehmen mußte bei verregneten Sommern hohe Verluste hinnehmen, da zu Großkunden des regionalen Energieversorgers überwiegend landwirtschaftliche Unternehmen gehören. Bei Trockenheit bedeutete dies starke Bewässerung der Felder und damit einen erhöten Stromverbrauch. Doch häufiger Niederschlag verwässerte dem Stromunternehmen in Vergangenheit oftmals nicht nur die Finanzplanung, sondern schwemmte auch (un)regelmäßig Einnahmen im sechsstelligen Bereich hinfort.

Nun erhält das Elektrizitätswerk bei verregneten Sommern für jeden Millimeter Niederschlag, der eine festgelegte Menge überschreitet, eine Ausgleichszahlung vom Rückversicherer. Dieses Geschäft bietet dem Unternehmen eine Erhöhung der Planungssicherheit, eine verringerte Ertragsvolatilität und damit ein neuartiges Risikomanagement.

In der Tat sind die Jahresbilanzen zahlreicher Unternehmen weitaus stärker durch Wetterentwicklungen beeinflusst als allgemein angenommen. Das Wetten aufs Wetter entwickelt sich daher in den USA bereits zu einem Milliardengeschäft. Zwischen 5 000 und 6 000 Kontrakte seien dort bislang gezeichnet worden, berichtet Jeff Porter, Vorstandsmitglied der der ameriklanischen Weather Risk Management Assciation (WRMA).

Der Wetter-Risiko-Experte des WRMA-Mitglieds Finanz-Trainer.com, Hans Esser, umreißt die Branchen für die Wetterderivate auch in Europa besonders interssant sind: Strom- und Gaswirtschaft, Bauindustrie, Landwirtschaft, Tourismusbranche, Getränkeindustrie, Freizeitparks und viele mehr.

Zu warm? Zu kalt? Zu nass? Zu trocken? Diese Fragen verdeutlichten den Einfluss kurzfristiger oder jahreszeitlicher Wetterentwicklungen auf den Geschäftserfolg oder-misserfolg, so Esser weiter. Namhafte nationale und internationale Unternehmen hätten die Bedeutung des Einflusses der Wetterentwicklung auf ihren Geschäftserfolg erkannt und nutzen bereits aktiv neue Wege der Risikoabsicherung durch Wetter-Derivate.

Doch wo bleibt das "exotische Finanzgeschäft" der milliarden schweren Freizeitindustrie. Wann kommt das Grill-und Würstchen-Derivat?

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