Nordkorea
Analyse: Die explosive Beichte des Schurken

Nach dem Nordkorea eingestanden hat, an eigenen Atomwaffen zu basteln, stellt sich die Frage, wie weit fortgeschritten entsprechende Programme im Irak oder in Lybien sein könnten.

Die Nachricht schlug eine wie eine Bombe: Der Schurkenstaat Nordkorea bastelt im Geheimen an eigenen Atomwaffen. Was lange vermutet, aber von Pjöngjang stets hartnäckig bestritten wurde, gestand der stalinistische Staat jetzt gegenüber den USA offen ein.

Die bange Frage lautet: Wenn schon das herabgewirtschaftete Nordkorea - das aus eigener Kraft noch nicht einmal in der Lage ist, sein Volk durch den Winter zu bringen - Atomwaffen entwickelt, gelingt das dann nicht auch dem Ölstaat Irak, ganz zu schweigen von Iran oder Libyen?

Pjöngjang soll für seine Sprengköpfe russisches Plutonium für seine Nuklearanlagen abgezweigt haben. Jahrelang hat Nordkorea den Westen und die Internationale Atomenergiebehörde an der Nase herumgeführt und gleichzeitig Hilfsgelder kassiert. Wie sollen die USA auf die explosive Beichte reagieren?

Bush hatte Nordkorea, Irak und Iran als "Achse des Bösen" bezeichnet und eine härtere Gangart eingeschlagen. Doch die USA können sich auf keinen Fall einen Zwei- Fronten-Krieg leisten - jetzt, wo alle militärischen Kräfte auf einen Angriff gegen das Regime im Irak konzentriert sind. Selbst ein militärischer Warnschuss gegen Pjöngjang ist unmöglich, ohne einen neuen Korea-Krieg vom Zaun zu brechen. Der Norden ist bis an die Zähne konventionell bewaffnet. Eine riesige indoktrinierte Truppe steht bereit, dem Kommando von Kim Jong Il blindlings zu folgen. Südkoreas Wirtschaft könnte durch wenige gezielte Schläge des Nordens schnell außer Gefecht gesetzt werden. Und aus den bitteren Erfahrungen des Korea-Krieges 1950 bis 1953 haben hoffentlich auch die US-Strategen ihre Lehren gezogen.

So spielt die Bush-Regierung das heikle Geständnis diplomatisch bewusst herunter - was schon daran zu erkennen ist, dass nur Beamte der zweiten Riege Erklärungen abgeben. Zunächst will sich Washington mit Seoul, Tokio und Peking beraten. Allerdings wären die USA schlecht beraten, Kims Beichte einfach zu übergehen. So wurde das vom Westen finanzierte Programm, zwei Leichtwasserreaktoren im Norden zu bauen, damit Pjöngjang auf Atomreaktoren und-waffen verzichtet, sofort auf Eis gelegt. Das Projekt war ohnehin seit 1994 kaum aus den Startlöchern gekommen. Es half damals aber, eine militärische Konfrontation gerade noch abzuwenden, wie aus der damaligen Clinton-Regierung durchgesickert ist - nicht zuletzt dank der Vermittlung von Nobelpreisträger Jimmy Carter.

Pjöngjang mag mit seinem Geständnis insgeheim auf Absolution und mehr Wirtschaftshilfe hoffen. Schon gegenüber Tokio machte der Norden kürzlich überraschend reinen Tisch. Kim gab zu, Japaner in den 70er- und 80er-Jahren zur Ausbildung von Spionen entführt zu haben. Die Überlebenden dürften dieser Tage ihre Heimat besuchen. Japan hatte im Gegenzug Reparationszahlungen für die 35-jährige Besatzungszeit in Aussicht gestellt.

Kims isoliertes Reich ist wirtschaftlich ruiniert und lechzt nach Hilfsgeldern. Aus blanker Not hatte das Regime im Sommer innere Wirtschaftsreformen und eine Öffnung gegenüber dem Ausland eingeleitet. Für die USA und den Westen liegt hier die einzige Chance: Die unberechenbare Atommacht Nordkorea ist nur von innen zu untergraben und zu Fall zu bringen.

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