Nordkorea
Analyse: Hinterachse des Bösen

Osama bin Laden und Saddam Hussein gebührt eine zweifelhafte Ehre. Vereint haben sie erreicht, dass gleich drei Kerninstitutionen der Welt am Rande ihrer politischen Belastbarkeit stehen.

Osama bin Laden und Saddam Hussein gebührt eine zweifelhafte Ehre. Vereint haben sie erreicht, dass gleich drei Kerninstitutionen der Welt am Rande ihrer politischen Belastbarkeit stehen: der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, die Nordatlantische Allianz und die Europäische Union. Jetzt reiht sich ein weiterer Diktator in die Schurkenriege ein. Ihm könnte ganz entgegen seinen wirklichen Absichten ein neuer Beleg dafür gelingen, dass die Uno und der Sicherheitsrat mit den akuten Krisen überfordert sind: Nordkoreas "lieber Führer" Kim Jong-Il.

Das multilaterale Krisenmanagement der Uno in ihrem derzeitigen Zustand hat im Irak-Konflikt seine Grenzen offenbart. Der Sicherheitsrat ist tief gespalten, der Uno-Chef abgetaucht. Jetzt muss sich der Rat wider Willen mit Nordkoreas unheilvollem Atomprogramm beschäftigen, denn die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat den "schwarzen Peter" nach New York weitergereicht. Ob er dort sinnvoll aufgehoben ist, lässt sich fürwahr bezweifeln. Der Sicherheitsrat ist kaum das geeignete Forum für die Zähmung des widerspenstigen und unberechenbaren Kim Jong-Il. Der nämlich ist besessen von der Vorstellung, dass die USA ihm nicht nur persönlich an den Kragen wollen, sondern auch eine existenzielle Sicherheitsbedrohung für sein Land darstellen, seit US-Präsident George Bush im vergangenen Jahr die Achse des Bösen bis nach Nordkorea verlegt hatte. Ganz so Unrecht hat er nicht, aber vom Sicherheitsrat dürfte sich Kim ebenso wenig zügeln lassen wie von der IAEA, deren Inspektoren er kurzerhand aus dem Lande hatte werfen lassen. Nordkoreas Machthaber will die USA an den Verhandlungstisch zwingen und dort einen Sicherheitspakt aushandeln.

Der Uno-Sicherheitsrat dürfte in dieser Frage wenig bewegen können. Zumal mehrere seiner Mitglieder überhaupt nicht davon überzeugt sind, dass der Fall bei ihnen richtig aufgehoben ist. Die Veto-Mächte Russland und China haben die USA wiederholt aufgefordert, sich des Problems bilateral anzunehmen. Dass sie neuen Sanktionen gegen Nordkorea zustimmen könnten, gilt als wenig wahrscheinlich. Somit landet der "schwarze Peter" früher oder später wieder bei den Amerikanern.

Die USA treiben ein durchschaubares Spiel, indem sie den Konflikt auf Uno-Ebene verlagern lassen, obwohl sie genau wissen, dass er dort nicht gelöst werden kann. Erreicht hätten sie allenfalls, der Welt ein weiteres Indiz für die den Vereinten Nationen unterstellte Ineffektivität zu liefern. Eine solches Denken wäre jedoch fatal. Die Welt braucht die Uno als Plattform für Konfliktbewältigung, aber mit anderer Struktur und Machtbefugnis als heute.

Man kann sich streiten, wer derzeit wen mehr reizt: Nordkorea die USA oder umgekehrt. Gefährlich ist das Treiben allemal, denn das Regime in Pjöngjang verfügt heute bereits über die Möglichkeiten, Atomwaffen herzustellen. Hinter den Kulissen mag Kim Jong- Il den Amerikanern zwar signalisieren, sein Regime habe derzeit nicht die Absicht, kernwaffenfähiges Material zu produzieren. Das rechtfertigt aber nicht die Taktik der USA, das Problem auf die lange Bank zu schieben. Nordkoreas Spiel mit der nuklearen Karte könnte böse ausgehen. Nicht nur, wenn die USA ihr Blatt überreizen. Washington muss daher schleunigst dafür sorgen, dass Pjöngjangs Atomprogramm gestoppt wird. Und zwar in direkten Verhandlungen.

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