Notenbanken
Kommentar: Zinsdroge

Für die Finanzmärkte und die führenden Ökonomen an der Wall Street ist die Sache bereits ausgemacht: Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) wird der schwächelnden Konjunktur und der depressiven Börse mit einer Leitzinssenkung noch in diesem Jahr zur Hilfe eilen.

Dick Berner, US-Chefökonom bei der Investmentbank Morgan Stanley, sagt bereits für den kommenden Dienstag eine Rücknahme um 0,5 Prozentpunkte voraus. Schließlich habe die Fed, so die Logik der Zinssenkungs-Propheten, der Wirtschaft und der Börse auch in früheren Krisen aus der Patsche geholfen. Der Erwartungsdruck an Fed-Chef Alan Greenspan ist inzwischen derart gestiegen, dass die Finanzmärkte bereits glauben, eine Enttäuschung kaum noch verkraften zu können. Wie Süchtige warten die Investoren auf den nächsten Schuss aus der Liquiditätsspritze.

Greenspan und seine Kollegen sollten dem Druck widerstehen und die Zinsen vorerst nicht senken. Mit einem Zinssatz von nur 1,75 Prozent ist die Geldpolitik bereits überaus stimulierend für die Konjunktur. Zumal die Zinssenkungen aus dem vergangenen Jahr ihre volle Wirkung noch gar nicht entfalten konnten. Bis zu 18 Monate kann es dauern, bis eine Lockerung der Geldpolitik die reale Wirtschaft erreicht. Eine erneute Zinssenkung zum jetzigen Zeitpunkt käme für die derzeitige Schwächephase also viel zu spät. Außerdem: Einen Liquiditätsengpass gibt es bislang nicht. Die Finanzierungskosten auf dem Markt für Firmenanleihen haben sich zwar spürbar erhöht, von einer Kreditklemme kann jedoch noch keine Rede sein.

Die Fed ist deshalb gut beraten, ihr verbliebenes Pulver trocken zu halten. Die US-Wirtschaft befindet sich nicht in einer Rezession, sondern ist auf einen Wachstumspfad mit niedrigen Zuwachsraten zwischen zwei und drei Prozent eingeschwenkt. Für amerikanische Verhältnisse ist das zu wenig, liegt das Wachstumspotenzial doch zwischen drei und vier Prozent. Ein externer Schock - ein neuer Terroranschlag, ein Krieg gegen den Irak, ein Zusammenbruch Lateinamerikas - würde die USA vermutlich zurück in die Rezession stürzen und Liquiditätsengpässe hervorrufen. Dann würden entschlossene Zinssenkungen der Notenbank wirklich gebraucht.

Eine verfrühte Zinssenkung wäre auch deshalb falsch, weil sie die notwendige Korrektur der noch immer bestehenden Ungleichgewichte in der US-Wirtschaft verzögern würde. Die Aktien sind - gemessen an historischen Standards - nach wie vor überbewertet. Unternehmen und Verbraucher sind hoch verschuldet. Das Leistungsbilanzdefizit wächst weiter. So schmerzhaft die Anpassung ist, sie kann mit einer Liquiditätsspritze nur verschoben, aber nicht verhindert werden.

Was soll die Fed also am Dienstag tun? Sie könnte ihre neutrale Konjunktureinschätzung aufgeben und stattdessen die konjunkturellen Risiken betonen. Damit würde sie Realitätssinn beweisen, ohne in Panik zu verfallen. Ansonsten sollte Greenspan den Stab an seine Kollegen in Europa weiterreichen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat dank des wiedererstarkten Euro derzeit mehr Handlungsspielraum für eine Zinssenkung. Bislang haben wir Europäer uns an die Konjunkturlokomotive USA angehängt, ohne danach zu fragen, womit die Amerikaner ihre Wirtschaft unter Dampf halten. Jetzt wird es Zeit, dass Europa das Steuer in die Hand nimmt.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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