Notenbanken warnten vor der Blase - und wurden ignoriert
Niemand hörte auf Kassandra

Nachdem die Blase am Aktienmarkt geplatzt ist, weiß es jeder, dass es eine war. Vorher gab es nur wenige, die das Kind beim Namen genannt haben. Wenn man sich die Bilanzen der europäischen Finanzinstitute und insbesondere der großen Investmentbanken ansieht, weiß man auch warum.

HB DÜSSELDORF. Das zeigt, wie groß das Geschäftsinteresse der Bankanalysten und-volkswirte an optimistischen und kaufwilligen Aktionären ist. "Wes? Brot ich ess?, dess? Lied ich sing", gilt selbstverständlich auch für sie. Als die Bewertungen vieler Aktien zum Teil absurde Werte erreichten - manchmal weit mehr als das Hundertfache eines Jahresgewinns - dachten sie sich lieber neue Bewertungsmodelle aus, als die krasse Überbewertung aller Aktien beim Namen zu nennen und die geschäftsschädigende Empfehlung auszusprechen: Lasst die Finger von Aktien!

Für Bank - Analysten sind negative Kommentare zum Aktienmarkt geschäftsschädigend.


Die warnenden Stimmen aus dem privaten Sektor lassen sich fast einzeln aufzählen. Albert Edwards von Dresdner Kleinwort Wasserstein gehört zu den frühen Warnern, ebenso Stephen Roach von Morgan Stanley und Dieter Wermuth von der japanischen Bank UFJ. Und natürlich meldete sich auch der populäre Autor Robert Shiller mit seinem Buch "Irrationaler Überschwang" zu Wort.

An unabhängigen Stimmen, auf die die Investoren hätten hören können, wenn sie gewollt hätten, hat es jedoch nicht gefehlt. Schon 1996 warnte US-Notenbankchef Alan Greenspan vor dem "irrationalen Überschwang" an den Aktienmärkten. Der Dow-Jones-Aktienindex hatte gerade die 6 000er-Marke geknackt. Die Botschaft wurde wohl gehört. Aber die Adressaten interessierten sich nur dafür, solange sie befürchten mussten, dass Greenspan ihnen mit Zinserhöhungen die Party verderben würde. Doch Greenspan beließ es bei der Warnung.

Die Bundesbank warnte Mitte 1998, als der Dax auf die 6 000 Punkte zusteuerte, die OECD Ende 1998 vor Übersteigerungen am Aktienmarkt - ohne Wirkung. Mitte 1999 warnte die OECD erneut und bezeichnete die US-Aktienmärkte als überteuert, der Dow kämpfte damals mit der 10 000er-Marke.

Die Notenbanken warnten zwar vor Exzessen, gingen aber nicht aktiv gegen die Blase vor.


Im Februar des Jahres 2000 mahnte Bundesbankpräsident Ernst Welteke die Banken öffentlich, mit der Kreditfinanzierung von Aktienkäufen vorsichtig zu sein, um die Übersteigerung nicht noch anzuheizen. Der Dax bewegte sich auf die 8 000 zu. Ein Einbruch der Aktienkurse könnte die Entwicklung der Weltwirtschaft gefährden, sagte die Bundesbank damals zutreffend voraus.

Im März, auf dem Höhepunkt der Blase, der Dow-Jones stand im Bereich von 11 000 Punkten, fragte Arthur Levitt, der damalige Chef der US-Börsenaufsicht SEC: "Sind manche der heutigen Unternehmen wirklich ein Tausendfaches von nichts wert?"

Besonders drastisch warnte zu diesem Zeitpunkt auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel vor der Blase und den Folgen. Die BIZ ist ein Institut, zu dessen Hauptaufgaben es gehört, den Gedankenaustausch unter den Notenbanken zu fördern. Fast ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, verglich das Institut die Lage in Amerika mit der Lage in Japan auf dem Gipfel des Booms.

Das japanische Beispiel hat gezeigt, was für schlimme Folgen es haben kann, wenn man zu lange zusieht, wie sich eine Blase am Aktienmarkt aufbläht. Da die Warnungen von unabhängigen Langweilern und Spielverderbern gern überhört werden, zieht die BIZ in ihrem jüngsten Jahresbericht den Schluss, dass die Notenbanken im Bedarfsfall aktiv gegen Kursblasen vorgehen sollten. Nur für niedrige Inflation zu sorgen sei zu wenig, löckt das Institut frech wider den Stachel gegen das vorherrschende Dogma.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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