Notenbanken wollen das Vertrauen der Konsumenten und der Börsenhändler stärken
Kommentar: Schnellschuss der Europäischen Zentralbank überzeugt nicht

HB DÜSSELDORF. Eine Stunde vor der Wiedereröffnung der US-amerikanischen Börsen hat die dortige Notenbank Fed ihren Leitzins um einen halben Prozentpunkt auf drei Prozent gesenkt. Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können, um den Aktienmärkten einen Schuss Vertrauen zu geben. Damit bleibt der Offen-Markt-Ausschuss unter Alan Greenspan seiner Tradition treu, die Zinspolitik auch zur psychologischen Wirtschaftspolitik zu nutzen. "Wir helfen Euch mit allen Mitteln", liest sich der Zinsschritt in Worten.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat drei Stunden später ihren Leitzins um gleichfalls einen halben Prozentpunkt auf 3,75 Prozent gesenkt. Kurz danach folgte die Schweizer Nationalbank. Der Zeitpunkt hätte deutlich besser gewählt werden können. Gemeinsam mit der Fed um 14.30 Uhr hätte die EZB ein stärkeres Signal gesetzt. So aber bleibt offen, ob Abstimmungsschwierigkeiten im EZB-Rat zu einer Verzögerung geführt haben. Dieser Eindruck drängt sich auf, weil die EZB nachträglich dann auch noch den Mindestbietungssatz des gestern gleichzeitig mit der Fed-Zinssenkung ausgeschriebenen Zinstenders ändern musste. Im Gegensatz zur Zinssenkung der Fed kommt der per Telefonkonferenz herbeigeführte EZB-Beschluss wie ein Schnellschuss daher. Das gilt um so mehr, als EZB-Präsident Wim Duisenberg noch wenige Stunden zuvor in Reportermikrofone sagte, es sei zu früh, das Ausmaß der ökonomischen Folgen der Anschläge zu prognostizieren.

Damit hat er Recht und deshalb kann auch aus grundsätzlicher Sicht der rasche Zinsschritt der Fed mehr überzeugen als derjenige der EZB. In der Aufregung über die Anschläge nahezu unbemerkt haben Wirtschaftsdaten in den vergangenen Tagen gezeigt, dass die Erholung der amerikanischen Konjunktur weiter auf sich warten lässt: Das Verbrauchervertrauen ist erneut eingebrochen, ebenso wie die Industrieproduktion. So wie man die Fed kennt, hätte ohnehin eine Zinssenkung angestanden. Nun ist sie schneller gekommen und wohl kräftiger ausgefallen als ohne die Anschläge. Für den Euro-Raum gelten diese Gründe aber mit weitaus weniger Wucht; eine Schwäche der US-Wirtschaft wirkt zwar auf Europa zurück, aber in geringerem Ausmaß. Damit hätte die EZB Zeit genug gehabt, nach ruhiger Prüfung auf einer der nächsten Sitzungen ihre Zinsen gegebenfalls zu senken.

Zinsschritt in den USA weitaus plausibler ist als im Euro-Raum

Auch dies gilt um so mehr, als der Zinsschritt in den USA zum jetzigen Zeitpunkt weitaus plausibler zu begründen ist als derjenige im Euro-Raum. Die Fed und die EZB erklären ihre Zinssenkungen mit der Sorge um das Vertrauen in die Wirtschaftsentwicklung. Ganz offensichtlich wollte die Fed auch die Wall Street beruhigen. Das ist direkt nachvollziehbar: Das Wohl der US-Wirtschaft hängt über Konsum und Unternehmensfinanzierung weitaus stärker an der Wall Street als das der Euro- Wirtschaft am Frankfurter Dax und Nemax oder am Pariser CAC. Zinssenkungen der Fed wirken deshalb schneller auf die Realwirtschaft als die der EZB. Auch deshalb hätte die EZB sich ruhig Zeit lassen können.

In der Tradition der US-Geldpolitik unter Greenspan liegt es, mit einem weit offenen Auge auf die Entwicklung der Aktienmärkte zu schielen und Geldpolitik auch psychologisch zu verstehen. Dass auch sie dazu den Mut hat, hat die EZB gestern bewiesen. Offen ist aber, wie sehr sie mit dem Schnellschuss ihrem Ruf Schaden zugefügt hat. Bislang hat sich die Euro-Bank viel darauf zugute gehalten, dass sie ihre Geldpolitik strikt an ihrer Zwei-Säulen-Strategie ausrichtet, in der sie die Preisrisiken gewichtet. Oft ist diese Geldpolitik als Sturheit verteufelt worden; mit ihrer ruhigen Hand hat die EZB aber auch Reputation aufgebaut. Von diesem Kurs ist die EZB gestern abgewichen. Sicherlich ist nicht auszuschließen, dass die Anschläge in den USA auch die Wirtschaft im Euro-Raum beeinträchtigen. Diese ließ bis zuletzt nur Hoffnungsschimmer eines Aufschwungs erkennen. Insoweit wäre eine Zinssenkung wahrscheinlich geboten gewesen, allein, sie hätte noch Zeit gehabt. Dann hätte ihr nicht der Ruf der Hektik angehaftet.

Wie stark das Vertrauen der Menschen in die hiesigen Volkswirtschaften leidet ist derzeit nicht abzusehen. Dazu bedarf es mehr Informationen über die Auswirkungen der Anschläge auf die Weltwirtschaft als die derzeitigen Spekulationen. Dazu bedarf es des Wissens, ob die Börsen sich beruhigen und ob die Konsumlust tatsächlich stark nachlässt. Erst dann lässt sich mit einiger Sicherheit abschätzen, wie heftig und andauernd ein möglicher Einbruch der US-Wirtschaft sein wird und wie stark andere Volkswirtschaften betroffen sein werden. Deshalb wäre es gerade für die EZB ratsam gewesen, sich mit einer Zinssenkung vorerst zurückzuhalten - zumal sie gestern die von ihr erwartete Verlangsamung des Wachstums im Euro-Raum selbst als kurzfristig bezeichnete.

Alan Greenspan ist seinen Prinzipien treu geblieben.

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