NRW-Politiker mischt wie in alten Zeiten vor dem Düsseldorfer Parteitag kräftig in der FDP-Führung mit
Jürgen Möllemann: Der Phoenix der Liberalen

ddp BERLIN. Typisch Jürgen W. Möllemann: Die Art und Heftigkeit, wie der nordrhein-westfälische FDP-Landeschef die Strategiedebatte seiner Partei bestimmt, versetzt selbst ausgekochte Parteifunktionäre erneut in Verblüffung. Damit das derzeitige Lieblingsthema des ambitionierten Bundesministers a.D., Fallschirmspringers und Oppositionsführers - die Kanzlerkandidatur - bloß nicht automatisch auf Möllemann selbst hinausläuft, glühen derzeit die Telefonverbindungen im Lager seiner Gegner. Doch wie wackelig die Anti-Möllemann-Front steht, entlarvte erst vor kurzem der baden-württembergische Landesvorsitzende Walter Döring. Es sei beschämend, wie eine ganze Partei "zu kuschen droht vor einem größenwahnsinnigen Möllemann", entfuhr es dem genervten Intimfeind.

Möllemann setzt Westerwelle unter Druck

An dem 55-jährigen Ex-Lehrer Möllemann, der politisch wohl an die Dutzend mal totgesagt wurde, arbeitet sich derzeit auch der künftige Parteivorsitzende ab. Das "Projekt 18", mit dem Möllemann sein üppig ausgestattetes Selbstbewusstsein der FDP einimpfen will, stimmt durchaus mit den ehrgeizigen Plänen von Guido Westerwelle überein. Doch bei der Kanzlerkandidatur ist Westerwelle zum Lavieren gezwungen. Das Thema könne "die berühmte Umdrehung der Schraube zu viel sein, die das Gewinde zum Brechen bringt", gibt er einerseits zu bedenken. Andererseits darf sich Westerwelle aber auch nicht die eigenen Chancen auf den Titel verbauen, sollten die Delegierten tatsächlich der Ansicht sein, mit einem Kanzlerkandidaten könnte die FDP im Wahlkampf noch medienwirksamer auftreten. Wie ein vergiftetes Präsent wirkt da Möllemanns Versicherung, er werde auch einen Kanzlerkandidaten Westerwelle unterstützen, wenn dieser "die Aufgabe schultern" wolle.

Möllemann hat es stets verstanden, sich mit PR-Geschick, politischem Instinkt und der ihm eigenen Robustheit aus jeder noch so ausweglos erscheinenden Situation zu befreien. Allerdings wuchs auch die Zahl der innerparteilichen Gegner bei jedem neuen Anlauf weiter an. Die Ränkespiele bei der Genscher-Nachfolge trugen Möllemann gar den Vorwurf "intrigantes Schwein" von einer Parteifreundin ein.

Minenhund im Auswärtigen Amt

Die erste der vielen Karrieren des liberalen Phoenix beginnt mit 27 Jahren als Bundestagsabgeordneter. Sein Förderer Hans-Dietrich Genscher holt das Talent, das stets hervorragende Kontakte in die arabische Welt unterhält, als Staatsminister und "Minenhund" ins Auswärtige Amt. Als erster FDP-Politiker setzt Möllemann dann ab 1987 starke Akzente als Bundesbildungsminister mit einem Hochschulsonderprogramm und einer überdurchschnittlichen Steigerung des Bildungsetats.

Seinen schwärzesten Tag erlebt er am 3. Januar 1993 bei seinem erzwungenen Rücktritt als Bundeswirtschaftsminister. Anlass war ein amtlicher Briefbogen, auf dem Möllemann für den Einkaufswagen-Chip seines angeheirateten Vetters geworben hatte. In der Folgezeit legt sich Möllemann vor allem mit der neuen Parteiführung unter Außenminister Klaus Kinkel an. Dies kostet Möllemann 1994 in seinem eigenen Landesverband den Vorsitz, den er nach einer Kampfabstimmung an den Bezirksvorsitzenden Joachim Schultz-Tornau abgeben muss. Die Delegierten waren der ständigen Stänkereien gegen die Bonner Parteiführung einfach überdrüssig geworden.

Möllemann berappelte sich wieder

Getreu dem Motto seines Fußballvereins "Steh auf, wenn Du ein Schalker bist" berappelt sich Möllemann aber schnell wieder. Sein Comeback auf Landesebene gelingt 1996 bei seiner Wiederwahl zum NRW-Parteichef. Der Landtagswahlkampf im Frühjahr 2000 ist ganz auf ihn abgestimmt, Möllemann holt mit dem Anspruch, für frischen Reformwind zu sorgen, auf Anhieb 9,8 Prozent. Fast wäre Möllemann nicht nur der Sprung in den Landtag, sondern auch in die Regierungsverantwortung geglückt.

Seither verordnet Möllemann sein Erfolgsrezept der gesamten FDP. Von Kinkel als Verfemter geächtet und von Parteichef Wolfgang Gerhardt noch immer misstrauisch beäugt, versucht Westerwelle den machtbewussten Westfalen durch die Übertragung von mehr Verantwortung zu disziplinieren. Geschickt bot ihm der designierte Parteichef das Amt eines Stellvertreters an. Die Sitzungen des neuen FDP-Präsidiums werden voraussichtlich von einer leidenschaftlichen Diskussions- und Streitkultur geprägt sein. Westerwelle hat den Streithähnen Döring und Möllemann bereits vorsorglich einen Ordnungsruf erteilt: Ihr "Kabale und Hiebe"-Stück mit den öffentlichen Beschimpfungen schade der FDP.

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