NRW startet Modellprojekt "Chancengleichheit für Frauen in Führungspositionen"
Mit Talent an die Spitze

In Führungspositionen sind Frauen noch unterrepräsentiert. Doch immer mehr Unternehmen erkennen, dass eine frauen- und familienfreundliche Personalpolitik ein Wettbewerbsvorteil sein kann.

HB DÜSSELDORF. Fragt Diplom-Psychologin Claudia Enkelmann in ihren Strategie-Seminaren an der "Akademie des Erfolges" in Königstein nach bekannten Frauen der deutschen Wirtschaft, blickt sie oft in ratlose Gesichter. "Es fallen dann Namen aus dem Medienbereich wie Sabine Christiansen und Verona Feldbusch. Birgit Breuel wird genannt und Beate Uhse." Die Instituts-Mitinhaberin verwundert das nicht: "Diese Frauen haben sich einen Namen gemacht, sind zum Teil selbst zum Markenprodukt avanciert." Viele Frauen glaubten aber, das nicht nötig zu haben, oder "es ist ihnen peinlich".

Gerade in der heutigen Zeit sei es jedoch wichtig, "Sachen, die ich gut kann, auch gut zu verkaufen. Leichter habe ich es in dem Moment, wo ich bekannt bin". Die USA mit einem Frauenanteil von 46 Prozent im Management gelten ihr als Vorreiter.

Dort stimmt halt das Umfeld: Universitäten und Trainingscamps bringen einen Frauentyp hervor, der in stressigen Arbeitssituationen verlässlicher und ungezwungener agiert. Auch trainieren Frauen viel früher die Nachfolge in der Geschäftsführung. Prominentes Beispiel: Carly Fiorina, die beim kalifornischen Global Player Hewlett Packard - alle drei Spitzenpositionen in einer Person vereint - Präsidentin, Chief Executive Officer und Chairman.

In Europa sieht es anders aus: Nur selten erreichen Frauen hier Führungspositionen, stellte das Statistikamt der EU, Eurostat, Anfang 2000 fest. Von 15 erfassten Ländern lag Deutschland mit 3,7 Prozent abgeschlagen auf dem zwölften Rang. Großbritannien führte mit 11,2 Prozent das Feld vor Spanien (7,7 Prozent) und Belgien (7,6 Prozent) an. Die Vorstände aller 30 Dax-Unternehmen sind männlich. Und eine Umfrage des Zwickauer Marktforschungsinstituts Megatrend in den 500 größten deutschen Unternehmen nach den High Potentials für den Führungsnachwuchs lässt den Schluss zu, dass auch in Zukunft die Männer regieren - trotz nachweisbar angeglichenem Bildungsstand beider Geschlechter.

Frauen- und familienfreundliche Personalpolitik bringt Wettbewerbsvorteile

Immerhin, die Wirtschaft befindet sich im Wandel: "Zirka 80 Prozent unserer Umsätze verdanken wir Frauen, und deshalb ist es richtig, zukünftig öfter Führungspositionen mit Frauen zu besetzen", sagt Hans-Joachim Körber, Vorstandssprecher der Metro AG. Auch Unternehmen wie die Deutsche Telekom, Daimler-Chrysler, die Commerzbank, Bayer, Volkswagen, Philips, IBM oder die Deutsche Post haben erkannt: Eine frauen- und familienfreundliche Personalpolitik bringt Wettbewerbsvorteile. Innerhalb eines vom Bundesfrauenministerium und der EU geförderten Projekts verlieh der Total E Deutschland e.V. -Quality diesen Unternehmen das gleichnamige Prädikat, das eine an Chancengleichheit ausgerichtete Unternehmenskultur und Maßnahmen zu deren Verwirklichung voraussetzt.

Wie bitter nötig solche Schritte sind, beweist auch eine Liste der 30 einflussreichsten europäischen Power-Frauen, die das Wall Street Journal Europe im März 2001 veröffentlicht hat: Nicht eine Deutsche fand sich darunter. Unter den 150 Auswahlkandidatinnen seien durchaus Deutsche gewesen, bestätigt Jury-Mitglied Ann- Kristin Achleitner, Professorin für Bank- und Finanzmanagement an der European Business School in Oestrich- Winkel. Dass keine den Sprung in die oberen Ränge geschafft habe, liege wohl daran, dass die 30 an der Spitze "halt wirklich gut sind".

Es kommt eben auf die Basis an: So ergab eine Befragung von Liebermann Research Worldwide unter 1 114 weiblichen Führungskräften, dass in Deutschland nur 22 Prozent der Interviewten glauben, die gleichen Karrierechancen wie ihre männlichen Kollegen zu haben. Die Relationen stimmen nicht, weiß Frauenministerin Christine Bergmann: "Zwar sind 42 Prozent der Erwerbstätigen weiblich, in den Führungspositionen beträgt der Frauenanteil im oberen Management aber nur rund sechs Prozent", erklärte sie vor gut einem Jahr auf einem Kongress der Fachhochschule Bielefeld.

Lean Management wirkte sich verheerend auf die Aufstiegsperspektiven der Frauen aus

Die Zahlen ernüchtern, zumal bereits Mitte der 80er-Jahre das Baseler Beratungsunternehmen Prognos für das folgende Jahrzehnt einen zusätzlichen Bedarf an 50 000 Führungskräften festgestellt hatte. Und das International Management Institut in Lausanne kristallisierte in einer Umfrage unter den 36 größten Weltkonzernen Kommunikationsfähigkeit und den guten Umgang mit Menschen als die wichtigsten Anforderungen an die Top-Manager der Zukunft heraus. Attribute, die laut Sonja Bischoff, Professorin an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik, Frauen "von Natur aus mitbringen" und sie damals "als geborene Führungspersönlichkeiten in die Führungsetagen katapultieren" sollten. Im Zuge des Lean Management, das ausgedünnte Hierarchien und damit einen Überschuss von führungserfahrenen Managern zur Folge hatte, schlugen die Prognosen fehl. Nur im mittleren Management stieg der Frauenanteil von 4,5 Prozent im Jahr 1986 auf 14,8 Prozent im Jahr 1997.

Die aktuelle Wirtschaftsentwicklung dagegen lässt nicht allein Frauen aufhorchen: Infolge weltweit ausgedehnter Wirtschaftsaktivitäten in einem durch das Internet bedingten Global Village, wo allein Eignung zum Schlüsselfaktor von Karriere und Beschäftigung werde, seien hochqualifizierte Frauen die Gewinnerinnen. Das glaubt Ulrike Detmers, Wirtschaftsprofessorin an der Fachhochschule Bielefeld. Der "War for Talents" setze die Entscheidungsträger unter Druck, meint auch Franca Peters, bei der Deutschen Bank Relationship Manager für Banken in West- und Nordeuropa.

Die 52-Jährige, die als eine der wenigen Frauen in der deutschen Wirtschaft die Verantwortungsstufe eins trägt, sieht in der New Economy ein Vorbild, wenn es um flexible Arbeitszeiten und Projektarbeit geht. Loretta Würtenberger, die Gründerin des Internet-Unternehmens Webmiles, gibt ihr Rückendeckung: "Frauen können besser vernetzt denken und sind belastungsfähiger in der Bandbreite, während Männer auf Ziele in der Ferne hinarbeiten. Deswegen ist das Arbeiten in gemischten Teams gut." Es eröffne die Chance, Qualitäten unter Beweis zu stellen. Ohne Förderer laufe aber nichts, sind sich die Frauen der Wissenschaft und Wirtschaft einig.

Modellprojekt "Chancengleichheit für Frauen in Führungspositionen" gestartet

Die Politik zieht langsam mit: Nordrhein-Westfalen hat das Modellprojekt "Chancengleichheit für Frauen in Führungspositionen" gestartet, das unter anderem drohenden Wettbewerbsnachteilen im EU-Wirtschaftsraum entgegenwirken will. Eine Umorientierung sei vor allem da nötig, wo "der im Beruf abgeforderte Arbeitseinsatz die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fast unmöglich macht", so NRW-Frauenministerin Birgit Fischer. Von dem Projekt, bei dem auch Sony und Viva mitmachen, soll eine Signalwirkung ausgehen, sagt Klaus Curth, dessen Hamburger Unternehmensberatung beratend mitwirkt.

Auf Bundesebene bleibt dagegen das geplante Gleichstellungsgesetz weiter umstritten. Von Quotenfrauen hält auch Deutsche-Bank-Managerin Franca Peters wenig: "Damit polarisieren wir nur." Und Loretta Würtenberger setzt auf den Teilzeitgedanken, denn die Diskussion werde geschlechtsunabhängig geführt: "Nur so kommen wir dahin, dass Teilzeitarbeit generell nicht zu einem Karriereknick führt."

Vielleicht kann die moderne Gesellschaft vom alten Platon lernen: Vor 2 400 Jahren erkannte er, dass es "keine Beschäftigung eigens für die Frau, nur weil sie Frau ist, und auch keine für den Mann, nur weil er Mann ist", gibt. "Die Begabungen finden sich vielmehr bei beiden gleichmäßig verteilt."

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