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NSE-Software-Aktionäre fordern zum Aktien-Verkauf auf

Aufgebracht haben die Aktionäre der angeschlagenen NSE Software AG, München, auf den Lagebericht des Unternehmensvorstands während der außerordentlichen Hauptversammlung am Montag reagiert, die wegen des Verlustes der Hälfte des Grundkapitals notwendig geworden war.

vwd MÜNCHEN. Seit dem Börsengang vor zwei Jahren habe sich der Vorstand mehr "um seine Yachten und sein Privatvermögen gekümmert als um den Fortbestand des Unternehmens", kritisierte ein Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Einhellig riefen die Aktionärsvertreter die Kleinanleger zum Verkauf ihrer Unternehmensanteile auf. Die Aktionärsvertreter bezeichneten die Rettungsversuche als "hoffnungslos" und warfen dem Vorstand vor, damit lediglich "Konkursverschleppung" zu betreiben. Ein Sprecher der Deutschen Schutzgemeinschaft der Wertpapierbesitz (DSW) bezweifelte, dass NSE das laufende Geschäftsjahr überleben werde. Bis zum Ende des laufenden Jahres werde das Unternehmen weiterhin "ganz sicher" über positives Grundkapital verfügen, bekräftigte Finanzvorstand Petr Vaclavek: "Zusätzliche Kapitalmaßnahmen sind derzeit nicht notwendig."

Für das Geschäftsjahr 2000 hatte die am Neuen Markt notierte NSE AG Mitte April ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von minus 46,2 Mill. Euro (1999: plus 2,0) ausgewiesen. Damit sei der Verlust in 2000 etwa doppelt so hoch ausgefallen wie der Umsatz mit 26,5 (33,4) Mill. Euro.

Als Gründe für den hohen Fehlbetrag nannte Vaclavek "enorme Entwicklungskosten" und Belastungen aus Lizenzverträgen für die Anwendungssoftware Finas Enterprise. Geschäftsführung und Aufsichtsrat bekräftigten, den Finanzsoftware-Anbieter durch einen Strategiewechsel und "umfassende" Sanierungsbemühungen retten zu wollen. Künftig wolle sich NSE auf Beratungs-Software für Finanzdienstleister spezialisieren. Aus der Entwicklung von Software-Komplettlösungen wolle NSE sich vollkommen zurückziehen. In diesem Bereich seien die Unternehmensumsätze im vergangenen Jahr "dramatisch eingebrochen", erklärte der Vorstand weiter.

"Vertrauen bei Käufern und Aktionären verspielt"

NSE will nach eigenen Angaben ein Drittel seiner 428 Mitarbeiter entlassen, Niederlassungen in Hamburg und Würzburg auflösen und sich von 90 % seiner Subunternehmer trennen. Die Aktionärsvertreter bezweifelten, dass das Unternehmen so einen Großteil seiner Kosten einsparen kann. Im abgelaufenen Geschäftsjahr habe NSE Software 28 Mill. Euro Personalkosten verzeichnet, wovon 2,4 Mill. Euro auf die Vorstandsmitglieder entfielen. Ferner bezweifeln die Aktionäre, dass das Unternehmen über einen ausreichenden Kundenstamm verfügt. Der Umsatzeinbruch um 21 % im vergangenen Jahr zeige, "dass die NSE ihr Vertrauen bei Käufern und Aktionären verspielt hat", sagte Markus Straub von der SdK.

Das Verhalten der Gesellschaft gegenüber ihren Aktionären sei "katastrophal", schimpfte Aktionärsvertreter Michael Leipold von der DSW. Die Kleinanleger seien nachlässig oder sogar falsch informiert worden. Einladungsschreiben und Bekanntmachungen im Bundesanzeiger seien auch dem Notar des Unternehmens zu spätet bekannt gemacht worden und hätten formale Fehler enthalten, räumte der Vorstand ein. "Ihre Informationspolitik ist an der Grenze zum Kriminellen und wir werden den Vorstand und Aufsichtsrat dafür in Regress nehmen", kommentierten die Kleinaktionäre. Ein Vetreter der SdK forderte den Aufsichtsratsvorsitzenden zum Rücktritt auf.

Keine Ausführungen zum Geschäftsbericht 2000

Bis zum heutigen Tage habe das Unternehmen außerdem versäumt, einen Geschäftsbericht für 2000 vorzulegen. Seit einigen Tagen ist der Bericht zwar im Internet abrufbar, doch weigert sich der Vorstand weiterhin eine Stellungnahme zu den Zahlen zum abgelaufenen Geschätsjahr sowie die Planzahlen für 2001 abzugeben. "Wir haben unsere Ausführungen bewusst knapp gehalten. Der Geschäftsbericht ist hier nicht das Thema. Er wird vor der Hauptversammlung am 23. Mai vorgestellt", so der Aufsichtsratsvorsitzende Franz Josef Geimer zur Begründung.

Die auf Tagesordnung vorgesehene Wahl eines neuen Aufsichtsratsmitgliedes als Ersatz für den ausscheidenden Anton Meyer scheiterte am Votum der "Konsortialgesellschaft der Altaktionäre", die 55 % der NSE-Anteile halten. Der Vorstand werde nun den Unternehmensmitgründer und ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Manfred Nerb als neues Aufsichtsratsmitglied beim Registergericht vorschlagen, sagte Geimer. Da dieses Verfahren langwierig sei, erfolge die Bestellung des neuen Aufsichtsratsmitglieds keinesfalls im laufenden Geschäftsjahr.

Robert Trögele neues Vorstandsmitglied

Zum neuen Vorstandsmitglied habe das Unternehmen mit Wirkung zum 1. Mai Robert Trögele berufen, teilte Vaclavek mit. Trögele kommt von der Debis AG, -Systemhaus die er mitgründete und in der er vier Jahre als Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft fungierte. "Wir haben jetzt sieben Vorstandswechsel und drei neue Aufsichtsräte erlebt", kommentierten die Aktionäre den erneuten Wechsel an der Unternehmensspitze.

"Wir glauben nicht, dass wir noch eine Hauptversammlung im Jahre 2002 erleben werden", kommentierten SdK und DSW. Sogar die Wirtschaftsprüfer der NSE hätten den Bestand des Unternehmens als gefährdet eingestuft. Dementsprechend pessimistisch schätzten die Anteilseigner die weitere Zukunft von NSE Software ein. "Es ist eine Firma, über der schon der Pleitegeier kreist", sagte Markus Straub von der SdK. Die NSE-Aktie verbuchte am Montag zwischenzeitlich auf Grund spekulativer Käufe überraschend einen Anstieg um rund 40 %.

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