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Nullnummer für den Fiskus: Anleihepapiere aus Schwellenländern

"Ohne Risiko kein Spaß." Wer Anleihen nach diesem Motto sucht, wird bei Papieren aus Schwellenländern fündig. Für das Risiko sorgt die Bonität der Emittenten, für den Spaß die "fiktive Quellensteuer".

Ein Hin- und Rückflugticket für den Karneval in Rio gibt es für lebenshungrige Europäer bereits ab knapp 1 200 DM im Internet. Für zwei Tage voller Lebensfreude mag das ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis sein.

Doch für den gleichen Preis zwölf brasilianische Euro-Anleihen zu kaufen, bringt risikofreudigen Renditejägern vielleicht genauso viel Spaß. Und die Leistungen, also die Kupons, können sich auch sehen lassen. Zudem: Wer seinen Sparerfreibetrag - in Höhe von 3 100 DM inklusive Werbungskostenpauschale für Singles und 6 200 für Ehepaare - ausgeschöpft hat, kann die Rendite nach Steuern durch die Anrechnung von so genannter fiktiver Quellensteuer aufbessern. Dabei rechnet der deutsche Fiskus ausländische Quellensteuer an, die tatsächlich nur teilweise oder gar nicht gezahlt wurde (Tabelle fiktive Quellensteuer).

Brasilianische Staatsanleihen sind besonders attraktiv, weil der Höchstsatz von 20 Prozent angerechnet werden kann (Tabelle Bonus-Länder). Allerdings liegt die Einschätzung renommierter Ratingagenturen mit B+ (Standard & Poor s) bzw. B1 (Moody s) schon im spekulativen Bereich (Tabelle Risikoeinschätzung). Das bedeutet: Es besteht das Risiko eines Zahlungsausfalls, der Anleger sieht sein Geld im schlimmsten Fall nicht wieder. Trotzdem ist Brasilien unter den lateinamerikanischen Ländern für Anja Bischoff, Anleiheanalystin von Deutsche Bank Anlagestrategie Privatkunden, der interessanteste Kandidat für risikobewusste Anleger.

Brasilien ist nur eines von vielen Ländern, mit denen Deutschland im Rahmen von Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) eine Anrechnung des Höchstsatzes von 20 Prozent vereinbart hat. Das bieten sonst nur noch Bolivien, Südkorea und Uruguay. Als "eine Art Entwicklungshilfe" bezeichnet Hartmut Preiß, Anleiheanalyst bei der DG Bank, diese Regelungen. "Zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung" haben folgende Staaten ganz darauf verzichtet, Quellensteuer auf Zinseinkünfte zu erheben: Côte d Ivoire (Elfenbeinküste), Griechenland, Israel, Jamaika, Kenia, Liberia, Marokko, Singapur, Trinidad und Tobago, Tunesien, Türkei, Venezuela und Zypern (Erlass des Bundesfinanzministeriums vom 12.05.1998, IV C 6- S 1301 - 18/98). Allerdings habe die Mehrzahl dieser Staaten keine Staatsanleihen oder zumindest keine Eurobonds am Markt, sagt Preiß. Israel beispielsweise habe nur US-Dollar-Anleihen herausgegeben, Südkorea nur einige Unternehmensanleihen.

Ohnehin sollten nur risikobewusste Anleger ein Auge auf Auslandsanleihen werfen. Staatsanleihen bester Bonität werfen meist eine schlechtere Rendite ab als Anleihen aus den aufstrebenden Schwellenländern (Tabelle Schwellenländer). Allerdings hat sich dieses Bild in den vergangenen Monaten umgekehrt. Auslöser dafür waren aus Sicht der DG Bank die Unsicherheiten in Argentinien im Oktober vergangenen Jahres. Eine Schuldenkrise konnten jedoch mit der Aussicht auf umfangreiche Hilfe durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) abgewendet werden. Auch Preiß glaubt nicht, dass Anleihen aus Argentinien in näherer Zukunft "Not leidend" werden könnten und Anleger ihr Kapital nicht zurückbekommen: "Der IWF kann sich das nicht leisten." Generell zählen Anleihen der Staaten, die eine lukrative Anrechnung bieten, fast ausnahmslos zum spekulativen Bereich. "Man steht mit Emerging-Markets-Anleihen nicht auf der sicheren Seite", warnt auch Anja Bischoff, "sonst wären die Renditen nicht so hoch." Grundsätzlich raten Anleiheexperten, Eurobonds zu kaufen. Diese Rententitel werden in Euro aufgelegt, weswegen auch Zinsen und Kapital in Euro zurückgezahlt werden. Damit ist zumindest das Währungsrisiko ausgeschaltet.

Gemessen an der Risikoklassifizierung ist Portugal immer noch die beste Adresse mit einem Rating von AA/Aa2. Geboten werden 15 Prozent fiktive Quellensteuer. Bei Anleihen aus Argentinien und Mexiko rät Anja Bischoff dagegen zur Vorsicht.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass Anleihen aus Schwellenländern nicht ungefährlich sind, hat die Ukraine im vergangenen Jahr geliefert. Das Land geriet mit den Zinszahlungen in Verzug. Die vorerst letzte schlechte Nachricht aus dem Bereich der Emerging Markets war kürzlich die Bankenkrise in der Türkei. Nachdem ein neuer IWF-Kredit über rund zehn Milliarden Dollar zugesagt wurde, scheint die Finanzkrise vorerst überwunden. "Auch türkische Anleihen können noch empfohlen werden", sagt Bischoff. Argentinien und die Türkei zählen zu den größten Emittenten am Eurobondmarkt.

Wer sich die fiktive Quellensteuer anrechnen lassen will, muss im Rahmen seiner Einkommensteuer-Erklärung die Anlage AUS für ausländische Einkünfte ausfüllen. Meist sei es ausreichend, die Erträge ohne speziellen Nachweis aufzuführen, sagt Preiß. Die fiktive Quellensteuer wird dann auf die schon gezahlte Steuer angerechnet - zu Lasten des deutschen Fiskus. Allerdings erfolgt die Anrechnung maximal bis zur Höhe der auf die Einkünfte aus dem jeweiligen Land entfallenden deutschen Einkommen- und Körperschaftsteuerschuld. Eine Erstattung der fiktiven Quellensteuer ist also nicht möglich. Wenn die deutsche Einkommensteuer, die auf die ausländischen Kapitaleinkünfte entfällt, niedriger ist als die maximal anrechenbare ausländische Quellensteuer, geht der überschießende Betrag verloren. Die auf die ausländischen Einkünfte entfallende Einkommensteuer ist mit Hilfe des Verhältnisses der ausländischen Einkünfte zur Summe der Einkünfte zu ermitteln (Tabelle fiktive Quellensteuer). Da das Verhältnis der ausländischen Einkünfte zur Summe der Einkünfte aus Kapitalvermögen im Beispiel nur 6 zu 40 beträgt, können als anrechenbare Steuer nicht 1 200 DM, sondern nur maximal sechs Vierzigstel von der Einkommensteuerschuld abgezogen werden. Bezogen auf 5 700 DM sind dies 855 DM. Die anrechenbare fiktive Quellensteuer in Höhe von 1 200 DM mindert also die tatsächliche Einkommensteuerschuld nur um 855 DM.

Ein weiterer Trick, mit Anleihen steuerfreie Einnahmen zu erzielen, ist es, Kursgewinne außerhalb der einjährigen Spekulationsfrist steuerfrei zu realisieren. Mit Anleihen, die bereits mit einem Abschlag (Disagio), also unter pari und damit unter 100 Prozent, ausgegeben werden, können schnell Kursgewinne erzielt werden. Wer auf niedrig verzinste Anleihen setzt, muss allerdings darauf achten, dass sich das Disagio im Rahmen der vorgegebenen Grenzen bewegt (Tabelle Steuerfreie Disagien). Sonst ist der Abschlag als Kursgewinn steuerpflichtig.

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