Nummern ziehen
Bundesligakicker gehen zum Arbeitsamt

Rund 70 Profidribbler wurden nach den geringeren Fernseheinnahmen der Bundesligaclubs ins Abseits gestellt. Ohne Vertrag führt auch sie der Weg zum Arbeitsamt.

HB HAMBURG. Sie teilen das Schicksal von vier Millionen Deutschen, doch sie haben an der Arbeitslosigkeit zumindest in finanzieller Hinsicht vorerst nicht so schwer zu knabbern wie andere. "Leiden auf hohem Niveau" nennt der Ex-Rostocker Christian Brand die Arbeitslosigkeit der rund 200 Fußballprofis aus der 1. und 2. Bundesliga. "Das ist eine unvergleichliche und in der Masse noch nie da gewesene Situation", sagt Frank Rybak von der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV). Der in den Profi-Vereinen auf Grund der geringeren TV-Einnahmen entdeckte Wille zum Sparen erwischt nun auch die lange Jahre verwöhnten Kicker. Rund 70 Stellen haben allein die Erstliga-Clubs zur neuen Saison in ihren Kadern gestrichen.

Der Hamburger Spielerberater Jürgen Milewski, der nach eigenen Angaben momentan drei arbeitslose Spieler betreut, unter ihnen Christian Brand, sieht eine problematische Situation nicht nur in den beiden deutschen Bundesligen, sondern auch im europäischen Ausland. "Dieses Jahr kommt viel zusammen: Wir haben eine Wirtschaftskrise, es ist weniger Geld im Kreislauf." Kurzfristig sei keine grundlegende Änderung der Situation in Sicht. "Durch das Zeitfenster, dass Spieler nur bis Ende August Vereine wechseln können, hat sich der Druck erhöht", moniert der Berater. Viele von den Spielern ohne Verein seien "bis Januar definitiv arbeitslos". Insbesondere die Vereine der 2. Liga seien von den fehlenden Erlösen aus den Fernseh- Übertragungsrechten betroffen.

Weil sie laufende Kosten abdecken müssen, ziehen immer mehr Profis eine Nummer beim Arbeitsamt. Dort erwartet sie, wie jeden anderen Arbeitslosen, eine Bearbeitungsnummer und ein wöchentlicher Höchstsatz. "Mit maximal 434,35 Euro pro Woche kann ein Sportler mit Steuerklasse 3 und einem Kind rechnen", sagt Michael Schweiger von der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg. Die Bemessungsgrenze, nach der die Höhe des Arbeitslosengeldes eingestuft wird, liegt bei 4500 Euro in den alten und 3750 Euro in den neuen Bundesländern - auch bei höheren Einnahmen gibt es nicht mehr Geld. "Juristisch ist das unproblematisch", erläutert Rybak. Aber natürlich gehe es an die Sportlerseele, unter der Berufsbezeichnung "Künstler, Artisten und Berufssportler" auf Vermittlung zu warten. Auf einem Graumarkt werden Profis vermittelt, die nur noch wenig Chancen haben, einen neuen Verein zu finden. "Die gehen oft ins Sportmarketing oder arbeiten für Sportartikelhersteller", erklärt Reinhard Barginda von der Nürnberger Behörde.

Die Profis gehen verschiedene Wege, um wieder in Lohn und Brot bei einem Verein zu kommen. Stefan Effenberg - einst negativ aufgefallen durch seine abfälligen Bemerkungen über Arbeitslose - wiederholt unaufhörlich, er habe das Zeug, noch zwei Jahre auf absolutem Spitzenniveau weiterzuspielen. Zugeschlagen hat bei diesem Angebot allerdings weder ein heimischer Verein noch einer im europäischen Ausland. Jurist Rybak sieht die Spielerberater in der Pflicht. "Wer einen guten Berater hat, findet auch wieder einen Verein." Für unerlässlich halten es Rybak und Berater Milewski, dass die Spieler sich fit halten. "Die einen rennen durch den Wald, die anderen absolvieren ihr eigenes Fitnessprogramm", sagt Milewski. Christian Brand trainiert als Gast mit den Amateuren seines ehemaligen Arbeitgebers Werder Bremen. Rybak begrüßt diese Initiative: "Lieber als Amateur in der Verbandsliga spielen, als ein Jahr gar kein Fußball."

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