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Nun ist Weitblick gefragt

Die Wall Street hat den Terrorschock noch nicht verdaut. Die Furcht vor weiteren Anschlägen wiegt schwer. Fachleute empfehlen nun konjunktur- und krisenfeste Werte. Vor allem brauchen Anleger Geduld.

NEW YORK. Als die US-Armee im Januar 1991 mit der Bombardierung Iraks begann, schnellten die Aktienkurse am Tag danach um fünf Prozent nach oben. Die Reaktion auf den Schlag gegen Terroristen in Afghanistan war anders. Die Kurse an den US-Börsen sackten erst deutlich ab, bevor sie sich etwas fingen. Der Konflikt macht diesmal den Menschen mehr Angst, weil sie neue Anschläge befürchten. Obendrein trifft der Konflikt die US-Wirtschaft in einem Moment, in dem sie ohnehin schon schwach ist. Doch Anleger können Hoffnung schöpfen: Fast alle Marktstrategen sind sich einig, dass sich die Aktienmärkte spätestens Mitte nächsten Jahres dauerhaft erholen. Dann haben die Unternehmen sich gesund geschrumpft; außerdem dürften die Zins- und Steuersenkungen Wirkung zeigen.

"Das beste Mittel gegen eine Rezession ist, dass alle sie erkennen", sagt Jim Paulsen, Chefstratege der Vermögensverwaltung Wells Capital Management. Die Terrorattacken hätten dafür gesorgt, dass jetzt alle Beteiligten, einschließlich der internationalen Geld- und Fiskalpolitiker, die Lage ernst nähmen.

Doch bis es zu einer echten Wende kommt, müssen Investoren noch viel Geduld mitbringen. Die Wall Street rechnet in der jetzt beginnenden Bilanzsaison mit neuen Gewinneinbrüchen um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. "Das ist ein Einbruch, wie wir ihn seit der Rezession von 1990/91 nicht mehr erlebt haben", sagt Chuck Hill vom Finanzinformationsdienst Thomson First Call. Eine Serie von Gewinnwarnungen und enttäuschenden Ergebnissen dürfte die Märkte in den kommenden Wochen weiter unter Druck setzen. Institutionelle Investoren haben Aktien verkauft, Privatinvestoren lassen die Finger ganz davon, wie Fondsverwalter beobachten. "Wissen wir, ob die Märkte bereits ihren Tiefstand überwunden haben", fragt Kent Engelke von der Vermögensverwaltung Anderson&Strudwick. "Nein. Wir müssen jetzt den Faktor Furcht bei jeder Investitionsentscheidung berücksichtigen." Auch der technische Analyst der Vermögensverwaltung Wachovia, Ricky Harrington, glaubt: "Das Potenzial für eine Jahresschluss-Rally ist ziemlich beschränkt."

"Erholung frühestens im zweiten Quartal 2002"

Chefstratege Doug Cliggott von der Investmentbank J.P. Morgan hatte - so wie viele seiner Kollegen - mit einer Verbesserung der Gewinne zum Jahresende gerechnet, doch jetzt glaubt er, dass eine Erholung frühestens im zweiten Quartal 2002 einsetzen wird. Nicht alles sei auf die Terrorattacken zurückzuführen. "Meine Revision beruht zu 70 Prozent auf Ereignissen vor dem 11. September."

Die Kombination einer schwachen Wirtschaft und der zusätzlichen Unsicherheit lässt Experten zögern, eindeutige Prognosen abzugeben. Ed Kerschner, Markstratege der Bank UBS Warburg, entwickelt verschiedene Szenarien: "Gut, schlecht und hässlich." Im besten Fall werden danach die Terroristengruppen schnell ausgehoben, die Gegenattacken sind erfolgreich, und es gibt keine weiteren Anschläge in den USA. Dann dürften die Unternehmensgewinne im kommenden Jahr um mindestens elf Prozent, maximal bis 22 Prozent nach oben gehen, schätzt Kerschner. Für den schlechteren Fall, dass es keinen echten Sieg gibt, die US-Bürger aber relativ unbehelligt bleiben, könnten sich die Unternehmensgewinne immerhin noch um drei bis zehn Prozent verbessern. Sollte sich die Serie von Terroranschlägen und Gegenattacken fortsetzen, dürften die Gewinne im kommenden Jahr noch einmal um drei bis zehn Prozent schrumpfen, fürchtet Kerschner. Eine moderate Gewinnverbesserung hält er allerdings für wahrscheinlicher. In jedem Fall aber seien Aktien jetzt schon billig.

Jim Paulsen von Wells Capital Management ist davon nicht überzeugt. "Die Kurse sind zwar abgesackt, aber die Gewinne genauso, da ändert sich am Kurs-Gewinn-Verhältnis nichts", sagt er. Paulsen glaubt trotzdem an dauerhafte Kursverbesserungen im kommenden Jahr. Auch wenn sich die Serie schlechter Unternehmensmeldungen fortsetzen sollte, würden Aktien nämlich angesichts sinkender Zinsen gegenüber festverzinslichen Wertpapieren immer attraktiver. Das könnte Investoren veranlassen, wieder auf Aktien umzusteigen.

Was sollen Anleger in den unsicheren Zeiten tun? Markstratege Kerschner rät zu Werten, die konjunktur- und krisenstabil sind und von Anfang an eine Rendite abwerfen. Damit kommen Aktien mit Dividendenzahlungen wieder in Mode. So werden etwa Konsumgüter des täglichen Bedarfs immer gekauft. In Frage kommen der Pepsico-Konzern, der Nahrungsmittelhersteller General Mills und der Hersteller von Windeln und Papier-Taschentüchern, Kimberly Clark - außerdem pharmazeutische Werte wie Johnson&Johnson, weil auch Medizin unabhängig von der Konjunktur gebraucht wird. Bei Finanzwerten seien regionale Geschäftsbanken interessant, die von weiteren Zinssenkungen profitierten, wie etwa Fifth Third Bancorp, Northern Trust oder das Hypothekenvergabe-Institut Freddie Mac. Abzuraten sei von Banken, die stark von der Entwicklung der Börsen abhängig seien wie die Investmentbank Goldman Sachs oder der Discountbroker Charles Schwab.

Doch es gibt auch mutige Investoren, die jetzt schon wieder in zyklische Werte einsteigen. "Ich schaue mir an, was jetzt billig ist. Manche Aktien haben Kurs-Gewinn-Verhältnisse wie seit zehn Jahren nicht mehr", sagt Fondsverwalter Kurt Schansinger von der Vermögensverwaltung Merrill Lynch. Er habe in den letzten Tagen Aktien des Kreuzfahrt-Veranstalters Carnival, Disney sowie Aktien des Chiphersteller Advanced Micro Devices gekauft. Das Prinzip, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen, gelte auch jetzt. "In sechs Monaten haben wir keine Rezession mehr, dann sind diese Aktien wieder viel teurer." Für Werte der Rüstungsindustrie, die nach dem 11. September teilweise um mehr als 30 Prozent zugelegt haben, sei es dagegen jetzt schon zu spät.

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