Nun weiß sie, wie sie als Profi arbeiten muss
Eiskunstläuferin Annette Dytrt begriff erst spät

Es muss irgendwann nach dem dreifachen Salchow passiert sein. Das war klar. Nur wusste später keiner, warum es überhaupt passiert ist. Annette Dytrt fuhr bloß übers Eis. Die Zuschauer im Erika-Hess-Stadion in Berlin hatten gerade noch geklatscht, es gab also nichts Störendes.

BERLIN. Aber plötzlich war er da. "Ein Black-Out", sagt Annette Dytrt später. "Keine Ahnung, weshalb." Den Flip sprang sie deshalb nur noch zweifach. Geplant waren drei Drehungen. Punktabzug bedeutete das. Es war ausnahmsweise kein Problem, weil ihre Konkurrentinnen in Berlin reihenweise stürzten. So verteidigte Annette Dytrt trotzdem ihren Titel als Deutsche Einzel-Meisterin im Eiskunstlauf.

Aber was hätte Tatjana Tarassowa, die Trainer-Legende aus Russland, gesagt zu dem Black-Out und dem verpatzten Flip? Hätte sie die 20-jährige Münchnerin brüsk angefahren, wie so oft im Training, wenn etwas nicht optimal geklappt hatte? Oder hätte sie Verständnis gehabt? Tarassowa war nicht körperlich in Berlin. Dort war nur Dytrts Stützpunkttrainer Alexander Vedenin, und der hat nicht geschimpft. Aber im Hinterkopf von Dytrt ist Tarassowa immer präsent. Die Star-Trainerin ist einer der Gründe dafür, dass Dytrt sicherer, dynamischer und technisch besser zum Titel gelaufen ist als vor einem Jahr.

"Annette war drei Jahre im Keller", sagt Vedenin, "sie war in keinem Kader, an Lehrgänge war nicht zu denken." Damals hatte sie seelische Probleme, verbiss sich in den Gedanken, zementiert im Schatten der übermächtigen Tanja Szewczenko zu stehen. Bis sie das Training endlich ernster nahm. Prompt wurde sie 2003 Deutsche Meisterin. Aber die Meisterin 2004 ist eine andere als die von 2003, sagt Dytrt. "Seit meinem USA-Aufenthalt bin ich eine andere Läuferin." Im Städtchen Simsbury, Bundesstaat Connecticut, traf sie im Sommer auf Tarassowa. Und auf Sasha Cohen, 17 Jahre alt, WM-Vierte von 2003. Eine Trainer-Legende, ein Riesentalent und Dytrt. Eine Mischung wie Kaviar mit Pommes frites.

Dytrt sollte in zwei Wochen lernen, wie Profis arbeiten. Sie sah an ihrem ersten Tag in Simsbury aufs Eis, verfolgte das Training und stöhnte entsetzt: "Oh Gott, muss ich das auch alles machen?" Vedenin: "Sie war schockiert." Diese Konzentration, diese Akribie bei jeder Übung, das war sie nicht gewohnt. Aber am dritten Tag machte sie alles mit. Tarassowa, die diverse Weltmeister betreute, ließ ihr auch gar keine Wahl. "Sie schimpfte so lange, bis alles hundertprozentig klappte", sagt Vedenin.

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