Nur Alleininhaber sind bei der Wahl ihres Nachfolgers wirklich unabhängig
Banken drängen auf frühzeitigen Generationswechsel

Nachfolgefragen sind von großer Bedeutung, sowohl für Unternehmen, als auch für die Volkswirtschaft: Mehr als 5000 Unternehmen verschwinden jedes Jahr vom Markt, weil die Nachfolge nicht geregelt ist.

DÜSSELDORF. Viele Unternehmer betrachten es als ihre Privatsache oder allenfalls als Familienangelegenheit, wann sie ihre unternehmerische Verantwortung in andere Hände legen wollen. Aber das Thema beschäftigt zunehmend auch Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und vor allem die Banken. Die Konditionen künftiger Kredite werden mit davon abhängen, ob die Unternehmensnachfolge aus der Sicht des Kreditgebers rechtzeitig und befriedigend gelöst ist.

Wer die Entscheidung hinausschiebt und das übliche Rentenalter deutlich überschritten hat, muss damit rechnen, dass seine Bank die Beziehungen überprüft. Georg Holschbach von der Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein GmbH, kennt Fälle, wo betagteren Unternehmern von der Hausbank Fristen gesetzt wurden, bis wann sie einen Nachfolger benennen sollen. Wird die Frist nicht eingehalten, droht möglicherweise die Kürzung oder gar die Kündigung der Kreditlinie.

Aber es gibt auch ein öffentliches Interesse: "Eine erfolgreiche Nachfolgeregelung sichert den Fortbestand von unternehmerischen Lebenswerken und damit Einkommen und Arbeitsplätze für viele Millionen Mitarbeiter. Wenn 80000 Unternehmen jährlich zur Übergabe anstehen, liegt es auf der Hand, dass dieses Thema einen besonderen wirtschaftspolitischen Stellenwert besitzt." Mit dieser Begründung hatte Bundeswirtschaftsminister Werner Müller gemeinsam mit zwei Dutzend Spitzenverbänden der Wirtschaft, des Kreditwesens und der Freien Berufe vor anderthalb Jahren die "Initiative Unternehmensnachfolge nexxt" gestartet.

30 000 Jobs gehen jedes Jahr wegen ungeslöster Nachfolgeprobleme verloren

"Nexxt" soll dazu beitragen, dass sich Unternehmer rechtzeitig mit dem Thema Nachfolge befassen. Denn nach einer Untersuchung des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM), Bonn, gehen jedes Jahr mehr als 30000 Arbeitsplätze verloren, weil das Problem nicht gelöst werden kann. Deshalb hat ein Teil der Nexxt-Partner - Sparkassen, Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern und Volks- und Raiffeisenbanken - im Internet unter http://www.change-online.de eine "Internetplattform für Nachfolge und Existenzgründung" geschaffen, vorwiegend für Firmen mit weniger als 500000 Euro Umsatz. Derzeit werden in "Change" fast 7500 Unternehmen zur Übernahme angeboten und etwa 3100 gesucht.

Betreut wird die Plattform von der Deutschen Ausgleichsbank (DtA), Berlin, über die auch ein Großteil der Förderung von Nachfolge- und Existenzgründungsfinanzierungen läuft (siehe Kasten). Die DtA zählt monatlich 25000 Interessenten auf den Change-Seiten sowie 2250 erfolgreiche Vermittlungen seit dem Start 1999. So schön die Zahlen erscheinen, angesichts des Gesamtproblems wirken sie wie der Tropfen auf den heißen Stein. Nach der "Neuberechnung 2002" des IfM werden im Zeitraum von fünf Jahren 355000 Unternehmen (mit mehr als 50000 Euro Umsatz) "übergabereif". 2002 wird es, so das IfM, 71000 Unternehmensübertragungen geben. Davon betroffen sind 900000 Mitarbeiter.

Überwiegend sind es-zu 63%- Altersgründe, die zu den Veränderungen führen; daneben zu 25% "unerwartete Ereignisse" wie Unfall, Tod, Krankheit, und zu 11% gibt es andere Gründe wie Ehescheidung, Streit oder den Wunsch des Unternehmers, etwas ganz anderes zu tun.

Lediglich knapp 46% der 71000 Unternehmen werden von Familienmitgliedern übernommen. In 12% übernehmen Mitarbeiter (Management-Buy-in), in 16% sind es externe Führungskräfte (Management-Buy-out), in 19% wird das Unternehmen an größere Firmen oder Investmentgesellschaften verkauft, und in 7% erfolgt die Liquidation mangels eines Nachfolgers.

Im Mittelstand fehlt das Problembewusstsein

Eine Unternehmensnachfolge sollte frühzeitig und sorgfältig vorbereitet werden. Aber das Bewusstsein dafür scheint bei vielen Unternehmern noch nicht ausgeprägt zu sein. Das Kreditgewerbe, IHK, Handwerkskammer und andere bemühen sich daher, in regionalen Veranstaltungen zu informieren und Kontakte zu vermitteln. Doch das Interesse dafür ist nicht überwältigend.

Das zeigt das Beispiel der Stadtsparkasse Düsseldorf. Sie hatte Firmenkunden, die das 55. Lebensjahr überschritten haben, eingeladen, im Rahmen eines "Gründertages" im November ihr Unternehmen anonym zu präsentieren, um so vielleicht Kontakt zu einem möglichen Nachfolger zu bekommen. Lediglich ein Prozent der Angeschriebenen hat darauf reagiert, berichtete Hans-Peter Meuter von der Stadtsparkasse bei einem Forum zur Unternehmensnachfolge der Düsseldorfer Universität in der vergangenen Woche.

Und auch die vom Düsseldorfer Institut für Dienstleistungs-Management (DID) der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ausgerichtete Veranstaltung belegt die Zurückhaltung der Unternehmer: Sie stellten nur knapp ein Drittel der Teilnehmer. "Das Problem wird oft verdrängt", weiß Prof. Winfried Hamel vom DID, "obwohl das Lebenswerk dadurch gefährdet wird."

Bei den Nachkommen herrscht Mangel an Unternehmentalenten

Aber das Problem ist eben komplex, gerade in Familienunternehmen. Bei 40% der nach Ansicht des IfM "übergabereifen" Gesellschaften sind keine Kinder vorhanden. In weiteren 18% der Fälle haben die Kinder kein Interesse. Und dort, wo Interesse besteht, mangelt es mitunter den Nachkommen an der Fähigkeit, ein Unternehmen zu führen.

Ein weiteres Problem ist, dass oft Mitgesellschafter bei der Nachfolge mitreden wollen. Nur Alleininhaber sind bei der Wahl eines Nachfolgers weitgehend unabhängig. Aber selbst sie können bei Banken, Mitarbeitern oder wichtigen Kunden auf Bedenken hinsichtlich der Person eines Nachfolgers stoßen.

Und wenn der geeignete Kandidat gefunden ist, muss man sich mit diesem auch einig werden: über den Unternehmenswert, die Art der Zahlung, die Modalitäten der Übergabe, ob der bisherige Chef sofort oder erst später ausscheidet, ob er längerfristig noch mitwirken will, beispielsweise in einem Beirat. In einer Broschüre hat "nexxt" versucht, alle wichtigen Themen anzusprechen, die von beiden Seiten bei einer Übergabe zu beachten und zu klären sind. Voraussetzung ist, "zu wissen, was man will".

Der letzte Stolperstein könnte die Finanzierung der Übernahme sein. "Unwirtschaftliche Unternehmen scheiden spätestens beim Übergabeversuch aus", sagt der Sparkassenmann Meuter. Aber wenn die Wirtschaftlichkeit gegeben ist, gibt es dank öffentlicher Förderung auch Geld. Selbst mangelnde Sicherheiten sind, so Meuter, "kein Grund, eine Finanzierung nicht zu machen".

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