Nur allmähliche Erholung 2003
Die Lage der Weltwirtschaft ist labil

Statt mit einem deutlichen Wachstumsschub rechnen die Kieler Forscher für 2003 nur noch mit einer allmähliche Erholung. Der private Verbrauch, bisher die wichtigste Stützte der US-Konjunktur, werde sich abschwächen. Die Investitionen könnten aber langsam wieder anspringen. Zinssenkungen hält das IfW weiterhin für unnötig.

pbs DÜSSELDORF. Es geht ein Gespenst um unter Volkswirten: Die Angst vor der Rezession ist wieder da. "In der momentan labilen Lage der Weltwirtschaft ist die Gefahr groß, dass ein negativer Schock zu einem neuerlichen konjunkturellen Rückschlag führt", warnen jetzt auch die Forscher des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (IfW), die in der Vergangenheit eher durch Optimismus aufgefallen waren. Bei einem möglichen Angriff der USA auf den Irak würde die "wirtschaftlichen Unsicherheiten" stark zunehmen.

Risikofaktor Nummer Eins wäre ein "ausgeprägter und lang anhaltender" Anstieg des Ölpreises, heißt es beim IfW. Die aktuellen Prognosen zum Wirtschaftswachstum beruhen noch auf einem Preis von 25 US-Dollar ( $) je Barrel der Sorte Brent im Jahresdurchschnitt. Ökonomen halten im Kriegsfall einen Anstieg bis auf 40 $ durchaus für möglich. Die Kieler müssten ihre Prognosen dann neu berechnen. Noch halten sie die Gefahr einer Rezession allerdings für "gering".

Welchen Weg die Weltwirtschaft in Zukunft einschlägt, hängt in erster Linie von den USA ab, meint das IfW. Insgesamt 20 % der Weltwirtschaft entfallen in Kaufkraftparitäten gemessen auf die USA; 40 % des weltweiten Produktionsanstieges wurden seit 1995 in den Vereinigten Staaten erzielt.

Die Hoffnungen auf einen raschen und kräftigen Aufschwung sind aber auch in Kiel verschwunden. Auch 2003 werde die Konjunktur in den USA nur "allmählich" an Schwung gewinnen. Konkret rechnen die Kieler mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 2,3 % in diesem und 3,1 % im kommenden Jahr - in der letzten Prognose hatten sie für 2003 noch mit 4,0 % gerechnet. Der konjunkturelle Verlauf ähnele damit der Entwicklung nach der Rezession von 1991 als die Produktion über eine Reihe von Quartalen nur mäßig anstieg und sich auch die Lage am Arbeitsmarkt zunächst kaum verbessert hatte. Die aktuelle Prognose deckt sich mit den Vorhersagen von J.P. Morgan und der Deutschen Bank. Merrill Lynch ist mit 2,5 und 3,7 % etwas optimistischer.

Trotz der insgesamt nicht gerade erfreulichen Perspektiven halten die Kieler an ihrer These fest, dass weder die US-Notenbank Federal Reserve noch die Europäische Zentralbank die Zinsen senken sollten. Die Zinsniveaus dies- und jenseits des Atlantiks seien "angemessen". "Deflationsbefürchtungen" werden für "unberechtigt" gehalten. Zwar ist die die Jahresteuerung seit Dezember 2001 immer wieder einmal gesunken - allerdings gab es auch Anstiege. Im August lag die Inflationsraste bei 1,7 % nach 1,5 % im Juli. Im Monatsvergleich sind die Verbraucherpreise um 0,3 % gestiegen, berichtet gestern das US-Arbeitsministerium. Teurer wurden vor allem Kleidung, Tabakwaren und Treibstoffe - bedingt durch den Anstieg des Ölpreises. "Im Preisanstieg spiegelt sich der weiterhin stetig zunehmende private Konsum wider", meint Gerald Müller, Ökonom von der Commerzbank. Bisher hat der robuste Konsum die US-Wirtschaft gestützt. Im kommenden Jahr wird die Konsumfreude aber schwächer ausfallen. Die Zunahme des privaten Verbrauchs schätzt das IfW auf 2,9 % in diesem Und auf 2,3 % im kommenden Jahr.

Die Kursverluste an den Aktienmärkten haben zu deutlichen Vermögensverlusten geführt. Seit Jahresanfang sind die Notierungen um rund 20 % gefallen und haben damit das Niveau des privaten Verbrauchs um 13,4 % gesenkt, hat das IfW ausgerechnet. Noch wird der Effekt durch den Anstieg der Immobilienpreise gemildert, zudem hat die Refinanzierung von Hypotheken den Konsumenten Geld in die Haushaltskasse gespült. Im Gegensatz zu anderen Ökonomen sehen die Kieler noch keine Anzeichen für einen Einbruch am Immobilienmarkt. Das Immobilienvermögen der privaten Haushalte betrage rund 30 % ihres Gesamtvermögens - das entspreche dem langjährigen Durchschnitt.

Aber nicht nur die Entwicklung des privaten Verbrauchs bereitet Sorge: Die Verschuldung der öffentlichen Haushalte steigt - zumal wieder mehr Geld für Rüstung ausgegeben wird und gleichzeitig die Steuereinnahmen sinken. Zudem bestehen weiterhin enorme Überkapazitäten, insbesondere im Bereich der Informationstechnologie, meint das IfW. Allerdings sei der Tiefpunkt bei den Investitionen jetzt durchschritten. Nicht zuletzt werde auch die Dollarschwäche den Export ankurbeln. Im Juni sind die Ausfuhren bereits um 1,3 % gestiegen, während die Importe gleichzeitig um 1,0 % zurück gingen, hat das US-Arbeitsministerium gestern berichtet. Allein die Ausfuhr von Flugzeugen ist um fast 40 % gestiegen, zudem wurden 6,5 % mehr Autos exportiert. Deswegen ist das Handelsbilanzdefizit mit minus 34,55 Mrd. $ deutlich geringer als von Ökonomen erwartet ausgefallen. Die endgültigen Berechnungen weisen zudem für Juni nur noch ein Defizit von 36,75 Mrd. nach vorläufig gemeldet 37,2 Mrd. $ aus.

Auch der Rest der Welt werde sich nur langsam erholen: In Japan habe zumindest eine konjunkturelle Erholung eingesetzt, meint das IfW. Eine Überwindung der konjunkturellen Flaute zeichne sich zudem in Großbritannien ab. Der Aufholprozess der mittel- und osteuropäischen Transformationsstaaten werde sich fortsetzen, in Lateinamerika dürft sich die Konjunktur sogar spürbar erholen, schätzen die Kieler.

Quelle: Handelsblatt

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