Nur der Außenhandel ließ das BIP 2001 steigen
Schwächstes Wachstum seit sieben Jahren

Einmal mehr hat Deutschland die wichtigsten Ziele für ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht verfehlt. Die Wirtschaft wuchs im vergangenen Jahr vor allem wegen rückläufiger Investitionen nur um magere 0,6 %. Die Defizitquote hat sich sogar verdoppelt. Nicht viel besser sind die Aussichten für 2002.

ari/pbs DÜSSELDORF. Jetzt ist es amtlich. Die deutsche Wirtschaft ist 2001 nur um 0,6 % gewachsen. Dies ist - abgesehen vom Rezessionsjahr 1993 - das schwächste Wirtschaftswachstum seit der deutschen Einheit und voraussichtlich auch das niedrigste in der Euro-Zone. Dessen Bruttoinlandsprodukt (BIP), zu dem Deutschland 30 % beiträgt, dürfte deshalb im vergangenen Jahr nach Einschätzung des Hamburger HWWA-Instituts nur um 1,5 % gewachsen sein.

Gleichzeitig sind die Verbraucherpreise um 2,5 % und die Lohnstückkosten um beachtliche 1,2 % gestiegen. Die Erwerbslosigkeit wurde kaum abgebaut. Keine Entwarnung gibt es auch bei der Defizitquote des Staates. Sie hat sich nach den vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes, Destatis, auf 2,6 % vom nominalen BIP verdoppelt und ist damit etwas höher ausgefallen, als bisher von der Bundesregierung veranschlagt.

Von den vier Zielen, die das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 vorgibt, sind damit drei - Preisstabilität, hoher Beschäftigungsstand und stetiges, angemessenes Wachstum - eindeutig verfehlt worden. Mit Blick auf eine wohl ausgeglichene Leistungsbilanz wurde lediglich das außenwirtschaftliche Gleichgewicht erreicht, doch war dazu ein neuer Rekordüberschuss beim Außenhandel nötig.

Just diesem preisbereinigt auf 57 Mrd. ? gesprungenen Außenbeitrag ist zu verdanken, dass 2001 überhaupt ein Wirtschaftswachstum erzielt wurde. Denn die Inlandsnachfrage schrumpfte um 0,5 %. Der trotz der Steuerreform bescheidene Zuwachs bei den Konsumausgaben der privaten Haushalte und beim Staatskonsum von 1,4 bzw. 1,3 % sowie höhere Ausgaben für Software und Lizenzen reichte nicht aus, die drastischen Rückgänge bei den Ausrüstungs- und Bauinvestitionen von 3,4 bzw. 5,7 % sowie den Lagerabbau auszugleichen.

Destatis-Präsident Johann Hahlen sprach deshalb gestern nicht nur von einem enttäuschenden Jahr, sondern auch vom hausgemachten Abschwung, der keine Folge der Terroranschläge im September oder der harten Landung der US-Konjunktur sei. Das Bundesfinanzministerium zieht dagegen vorrangig die internationale Verflechtung Deutschlands und daraus resultierende Effekte der weltweiten Schwäche als Begründung für das schlechte Ergebnis an. Dies dürfte allerdings nur darauf zutreffen, dass die schwächere Auslandsnachfrage und die Unsicherheiten hinsichtlich der US-Konjunktur die Investitionsbereitschaft gebremst hat. Die Ausfuhren sind 2001 immerhin um 5 % gestiegen - nur im Vergleich mit den rekordverdächtigen 13 % im Jahr 2000 scheint dies ein mageres Ergebnis zu sein.

Bankvolkwirte sind wesentlich skeptischer

Es zeichnet sich zwar ab, dass Deutschland im vierten Quartal nach der technischen Definition - zwei Quartale hintereinander im Minus - in der Rezession geblieben ist, Hahlen sprach aber davon, dass das BIP "in etwa das Niveau des vorherigen Quartals erreicht" habe. Er charakterisierte die Schwäche als "ausgeprägte Phase der Stagnation". Ob es zu der von Hahlen genannten "negativen Null" zum Vorquartal gekommen ist, wird sich jedoch erst Anfang März zeigen, wenn das Statistikamt die Daten für das vierte Quartal und eventuell rückwirkende Revisionen vorlegt. Bankvolkswirte sind für das Schlussquartal 2001 wesentlich skeptischer. So erwartet Ralph Solveen von der Commerzbank, dass das BIP zum Vorquartal um 0,5 % geschrumpft ist. In dieser Größenordnung sieht er auch den statistischen Unterhang, der in das Jahr 2002 mitgenommen worden ist und der das Wirtschaftswachstum im Jahresdurchschnitt schmälert.

Das vorläufige Wachstumsergebnis für 2001 brachte zwar vorübergehend den Eurokurs unter Druck, entsprach aber etwa den Erwartungen der Forschungsinstitute und Bankökonomen. Deshalb sehen sie auch keinen Anlass, ihre schon im Verlauf des vergangenen Jahres ständig nach unten revidierten Prognosen für 2002 zu ändern. Diese gehen allerdings weit auseinander. Mit nur 0,1 % Wachstum 2002 liegt Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei Invesco Asset Management am unteren Ende. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) bleibt hingegen optimistisch. "Wir gehen nach wie vor von 1,2 % Wachstum aus", sagt Joachim Scheide, Leiter der IfW-Konjunkturabteilung, dem Handelsblatt.

Hintergrund sind unterschiedliche Annahmen zum Zeitpunkt der Erholung. Zwar beobachten alle die gleichen Daten. Es gibt aber keine einheitliche Auffassung darüber, um wie viel Monate Frühindikatoren, wie das Industrie- und Konsumentenvertrauen der Konjunktur vorauslaufen. Ob der Aufschwung im ersten, zweiten oder gar im dritten Quartal beginnt, entscheidet über wichtige Wachstumspunkte. Scheide sieht den Wendepunkt bereits im ersten Quartal, Krämer rechnet dagegen erst im dritten Quartal mit positiven Raten.

Bundesfinanzminister Hans Eichel legt sich auf einen Zeitpunkt nicht fest, ist aber sicher, "dass sich im Laufe des Jahres Wachstumstendenzen deutlich verstärken werden". Sie werden wohl vom Ausland kommen. OECD-Chefvolkswirt Ignazio Visco erwartet eine starke Erholung der Weltwirtschaft im zweiten Quartal, sofern Risiken nicht eintreten. Das HWWA geht hingegen davon aus, dass die weltweite Schwäche erst allmählich überwunden wird. Wachstumsraten über dem Produktionspotenzial seien erst im nächsten Winterhalbjahr wahrscheinlich. Die Talsohle sei jetzt aber wohl erreicht.

Nach der HWWA-Prognose von gestern wird die deutsche Wirtschaft 2002 um 0,7 % wachsen und die in der Euro-Zone um 1,1 %. Erst 2003, so sehen es auch andere Institute, soll es wieder richtig aufwärts gehen. Das HWWA prognostiziert 2,8 % Wachstum für Deutschland, 3 % für die Euro-Zone und gar 3,8 % nach 1,2 % für die USA.

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