Nur der Titel klingt schöner
Ford: Ausreichend Luft

Der neue Chef der Kölner Ford-Werke ist wenig mehr als ein Vertriebsleiter für Deutschland.

Rolf Zimmermann war nicht gekommen. Einen Tag nachdem er - für viele Kollegen befremdlich-seinen vorzeitigen Rücktritt in einer Boulevardzeitung bekannt gegeben hatte, ließ sich der Vorstandsvorsitzende der Kölner Ford-Werke bei der Vorabveranstaltung des Unternehmens zur Nutzfahrzeugmesse IAA in Hannover entschuldigen. An seiner Stelle saß, bestens gelaunt und vorbereitet, ein anderer und erläuterte die Vorzüge des neuen Kleintransporters Transit Connect. Selbstverständlich sei er gern für seinen Chef eingesprungen, versicherte Bernhard Mattes lächelnd. Das sei schließlich sein Job. Als stellvertretender Vorstandsvorsitzender.

Ein Schelm, wer da schon weiter denkt. Denn wenn am Donnerstag dieser Woche der Ford-Aufsichtsrat tagt, um einen Nachfolger für Zimmermann zu bestimmen, gibt es nur einen Kandidaten: Bernhard Mattes. Doch selbstredend ist die Führungsfrage für den Noch-Stellvertreter und Vertriebschef "kein Thema", er tut an diesem Abend das, was er am besten kann: reden und verkaufen. Ford Deutschland sei auf dem Weg zurück zur Profitabilität, der Marktanteil steige, die Produktoffensive ("45 neue Modelle und Varianten in fünf Jahren") gehe weiter. "Es gibt keinen Grund, etwas an unserer Strategie zu ändern."

Auch für den 46jährigen Mattes wird sich nicht viel ändern, wenn ihn der Aufsichtsrat an die Spitze des Unternehmens beruft. Denn der Posten des Vorstandsvorsitzenden der Ford-Werke unterscheidet sich kaum von dem des Vertriebsleiters Deutschland. Nur der Titel klingt schöner.

Die Fäden laufen in der Europa-Zentrale zusammen, nur einen Steinwurf entfernt von der deutschen Hauptverwaltung in Köln. "Alle wesentlichen Entscheidungen bei Ford fallen auf der europäischen Ebene", sagt Steve Young, Automobilexperte bei A.T. Kearney. "Das nationale Management hat kaum Einfluss auf die Strategie."

Das musste auch Zimmermann erfahren, dessen Abschied für Insider nicht sehr überraschend kam. Schon seit Monaten gab es Gerüchte, der 55-Jährige sei amtsmüde. Kein Wunder: Stück für Stück hatte die Ford Motor Company in den USA die Kompetenzen ihrer deutschen Tochter beschnitten. Die AG, traditionsreicher Kern der Ford-Aktivitäten in Europa, unterscheidet sich kaum noch von anderen nationalen Vertriebsorganisationen. Die Verantwortung für die Produktion und die Fahrzeugentwicklung ging auf die Europa-Zentrale über. Was in den Werken in Köln, Saarlouis oder im belgischen Genk passiert bestimmt der operative Europa-Chef Martin Leach. Bis vor eineinhalb Jahren war Zimmermann für die Produktion in Europa zuständig. Sein Verhältnis zu Leach gilt als wenig herzlich. "Mich wundert es nicht, dass er die Brocken hingeschmissen hat", sagt ein Kenner des Unternehmens. Böse Zungen behaupten gar, der Deutschland-Chef sei seiner Abberufung zuvor gekommen.

Dabei gibt es inhaltlich dafür kaum eine Begründung, denn Ford steht in Deutschland so gut da wie seit Jahren nicht mehr. Die Produktion ist modernisiert, die Kosten sind gekappt und die Autos, obwohl noch mit einem Imageproblem behaftet, kommen bei den Kunden immer besser an. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um 24 Prozent auf 16,3 Milliarden Euro, gleichzeitig schafften die Kölner große Qualitätssprünge. Mit dem Modell Focus steht erstmals ein Ford in der Pannenstatistik des TÜV auf Platz Eins - als zuverlässigstes Fahrzeug. Und während die Konjunkturschwäche bei den Konkurrenten Volkswagen und Opel zu starken Absatzeinbrüchen führt, konnte Ford seinen Marktanteil im ersten Halbjahr 2002 von 8,1 auf 8,5 Prozent weiter steigern.

Als Wegbereiter des Turn-around sehen Branchenkenner aber weniger Deutschland-Chef Zimmermann, sondern Ex-Europachef Nick Scheele, heute neben Konzernchef Bill Ford der starke Mann in der US-Zentrale, sowie dessen Intimus Leach. "Zimmermann ist immer mehr in den Hintergrund gerückt", sagt ein Ford-Manager.

Wie entbehrlich der Produktionsexperte geworden war, zeigt sich auch darin, dass der Vorstand nach dem Ausscheiden Zimmermanns verkleinert wird. Einen neuen Vertriebsvorstand als Nachfolger von Mattes werde es nicht geben, heißt es aus dem Aufsichtsrat. "Mattes wird beide Aufgaben in Personalunion wahrnehmen."

Der neue Mann lässt keinen Zweifel daran, dass er sich den Job zutraut. Angst vor der Verantwortung habe er nie gekannt, sagt der gebürtige Wolfsburger, der einst in der Jugendmannschaft des heutigen Bundesligisten VfL Wolfsburg kickte. "Wenn man am Millerntor gegen den FC St. Pauli antritt, darf man sich nicht fragen, ob man Luft für 90 Minuten hat."

Er hatte ausreichend Luft für eine Blitzkarriere, von der viele Beobachter glauben, dass sie mit dem Vorstandsvorsitz bei den Ford-Werken noch nicht beendet ist. Motivationsprobleme plagen den studierten Wirtschaftswissenschaftler jedenfalls nicht. Doch statt seinem Vater zu Volkswagen zu folgen, entschied sich Mattes für eine Laufbahn bei BMW. Vor drei Jahren kam er als Vertriebsvorstand zu Ford - und ist nun nach Carl-Peter Forster (Opel) und Bernd Pischetsrieder (Volkswagen) bereits der dritte Ex-BMW-Manager, der an die Spitze eines deutschen Automobilherstellers rückt.

Bei Kollegen, Händlern und Betriebsräten ist Mattes beliebt. "Ein guter Mann, der keine politischen Spielchen spielt", urteilt ein Kollege aus München. "Der redet Klartext und eiert nicht rum", lobt ein Händler. "Er verlangt viel, aber wenn man gute Argumente hat, lässt er mit sich reden." Als "Fordern und fördern" beschreibt der passionierte Skifahrer seinen Führungsstil.

Auch für die Zusammenarbeit mit der Europa-Zentrale ist Mattes offenbar der richtige Mann; ihm wird ihm ein guter Draht zu Leach nachgesagt. Dass er schon bald zum Vizepräsidenten auf der Europa-Ebene avanciert, gilt als wahrscheinlich. "Ich fühle mich nicht als Befehlsempfänger der Europa-Zentrale", sagt Mattes. "Alle wichtigen Fragen diskutieren wir gemeinsam, da knallt keiner die Hacken zusammen."

Auch so bleibt genug zu tun. Das Image in Deutschland hinkt dem von VW trotz guter Produkte hinterher, so dass die Wolfsburger ihre Autos teurer verkaufen können als die Kölner. Außer beim Fiesta, in den Peugeot-Motoren eingebaut werden, hat Ford keinen modernen Dieselmotor im Programm. Die Lücken in der Modellpalette würden geschlossen, verspricht Mattes. Bis 2004 sollen rund 20 neue Pkw-Modelle und-Varianten auf den Markt kommen.

Zudem sollen deutschlandweit 80 bis 120 Nutzfahrzeugzentren entstehen, um den Absatz der Transit-Modelle voran zu treiben. Investitionen aus Rücksicht auf die prekäre Finanzlage von Ford in den USA zu strecken oder aufzuschieben, komme nicht infrage, versichert Mattes. Der überraschende Gewinn im dritten Quartal, den Ford am Montag in den USA ankündigte, macht weitere verordnete Sparaktionen unwahrscheinlich - zumindest für den Moment.

Vorrangiges Ziel des künftigen Ford-Chefs bleibt die Rückkehr in die Gewinnzone auch in Deutschland. "Es ist unser inneres Bestreben, nicht länger an der Brust der Mutter zu hängen." Ob schwarze Zahlen angesichts des rückläufigen Marktes und der Rabattschlacht, die vor allem im Kleinwagensegment tobt, realistisch sind, wird von Experten bezweifelt. Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen 80 Millionen Euro Verlust gemacht. Auch damals war das Ziel eine schwarze Null gewesen.

Claus Gorgs

Quelle:WirtschaftsWoche

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