"Nur Deutschland steht uns noch im Weg"
Ekstase in Brasilien

Zehntausende von Menschen stürmten morgens gegen 5.30 Uhr aus Häusern, Bars und Restaurants tanzend und singend auf die Straßen Rios und Sao Paulos. Die Leistung von Rivaldo, Ronaldo und Co. vermochte erstmals auch die bislang sehr kritischen Medien daheim zu überzeugen.

dpa RIO DE JANEIRO. Der Abpfiff des Mexikaners Felipe Ramos im fernen Japan stürzte ganz Brasilien in eine morgendliche Massen- Ekstase. Als der 2:1-Triumph im Viertelfinale der Fußball-WM über England feststand, stürmten Zehntausende von Menschen morgens gegen 5.30 Uhr aus Häusern, sowie aus Bars und Restaurants, die das Spiel auf Großleinwänden gezeigt hatten, tanzend und singend auf die Straßen. Die Massen schrien in den Nobelvierteln von Rio und Sao Paulo unaufhörlich "Penta, Penta", in Anspielung auf den erhofften fünften WM-Titel, während in den Slums regelrechter Karneval ausbrach. "Lasst Senegalesen oder Türken kommen!", schrie ein kleiner Junge im Cantagalo-Slum in Rio vor laufenden TV-Kameras.

Laut Medien gab es Freudenkundgebungen in den entlegensten Ecken des Landes. "Sogar bei den Indios im Urwald", so ein Radioreporter. In der nordöstlichen Küstenstadt Salvador, der "afrikanischsten" Stadt Brasiliens, wurde mit lautem Trommeln gefeiert. In Rio de Janeiro sang man unterdessen in den typischen "Boteco"-Stehkneipen die Nationalhymne im Samba-Rhythmus. Feuerwerkskörper wurden gezündet und der Caipirinha-Schnaps floss auch im noch von den Straßenlampen schwach beleuchteten Strand von Copacabana in Strömen. Die Polizei meldete "nur Freude und keine Zwischenfälle".

Die Leistung von Rivaldo, Ronaldo und Co. vermochte erstmals auch die bislang sehr kritischen Medien daheim zu überzeugen. "Das war schon sehr gut. Auf dem Weg zum fünften Titel, dem Penta, steht uns jetzt allenfalls noch Deutschland im Wege", hieß es im TV- Nachrichtensender "Globonews", der die "groben Fehler von Lucio und Englands Torhüter Seaman" hervorhob.

Die Zeitung "Folha" schrieb von "der bislang besten WM-Leistung unseres Teams". Die Internet-Seite der Zeitung "Estado de Sao Paulo" würdigte unterdessen die Leistung von Spielmacher Ronaldinho, der Teamkollege Rivaldo zunächst den Pass zum 1:1 gegeben und in der zweiten Halbzeit per Freistoß den entscheidenden Treffer geschossen hatte. "Beinahe wäre er aber zum Bösewicht geworden", schrieb "Estado" in Anspielung auf den Platzverweis Ronaldinhos in der 57. Minute.

Euphorisch zeigte sich auch der sonst stets besonnen und ruhig auftretende Trainer der brasilianischen Weltmeister-Elf von 1994, Carlos Alberto Parreira. "Der brasilianische Fußball hat mit diesem Sieg gegen England sein Prestige wiederhergestellt", jubelte Parreira im Interview mit dem Radiosender "Jovem Pan". Brasilien habe "eine Lehrstunde in Sachen Technik und Taktik erteilt".

Parreira, der zur Zeit den Traditionsverein Corinthians Sao Paulo coacht, kritisierte zudem das defensive Spiel des Gegners. "Unser Team hat doch mehr Mühe in der Vorrunde gegen Costa Rica (5:2) gehabt, als heute gegen die Engländer", meinte er. Der Coach glaubt, dass Brasilien im Halbfinale auf Senegal treffen wird. "Die sind etwas stärker und ehrgeiziger als die Türkei, außerdem haben die Afrikaner ein klar definiertes taktisches System".

Wahre Lobeshymnen stimmte Alt-Starcoach Mario Lobo Zagallo an. Der Mann, der entweder als Spieler oder als Trainer als einziger bei allen vier WM-Titeln Brasiliens dabei war, sprach von einer "Superleistung". England habe selbst mit einem Mann mehr auf dem Platz nie gefährlich sein können. "Wir sind auf dem richtigen Wege", versicherte er.

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