Nur die Kirchenglocken läuten
Schweigend ehrt ganz New York die Terror-Opfer

Eben noch war diese Stadt so laut wie immer. Doch jetzt herrscht Stille. Die Menschen sind stehen geblieben. Und auch die Autos, manche mitten auf Kreuzungen. Es ist 8.46 Uhr (14.46 Uhr MESZ). Genau ein Jahr nachdem das erste entführte Passagierflugzeug in das World Trade Center raste. Tausende stehen auf dem Times Square, doch man hört kein Gespräch. Alle Blicke sind auf die riesige Videowand gerichtet, auf der die Zeremonie des Gedenkens an die mehr als 2800 Opfer der Terroranschläge unten im Süden von Manhattan, am Ground Zero, zu sehen ist.

NEW YORK. "Das habe ich noch nicht erlebt", sagt Morris Hill als die Minute des schweigenden Gedenkens vorüber ist, als überall in der Stadt die Kirchenglocken läuten. "Seit fast 70 Jahren lebe ich in New York, aber das hat es noch nicht gegeben", sagt der pensionierte Lehrer. "Dass die ganze Stadt mit all diesen verschiedenen Menschen plötzlich schweigt, wie ein Mann, das zeigt doch wie stark wir in der Not sein können."

Scott Kirkland und Jo Wilhelm, beide 41, sind aus Virginia gekommen. Jetzt stehen sie ganz oben auf der Aussichtsplattform des Empire State Buildings. Am 11. September waren sie schon einmal zu Besuch im "Big Apple", vor einem Jahr. "Das war ein Albtraum damals", sagt Kirkland, der für eine Speditionsfirma arbeitet. "Das Empire State war sofort zu und wir kamen nicht rauf." "Genau deshalb mussten wir wiederkommen", ergänzt seine Lebensgefährtin. "Wir wollten den New Yorkern unseren Respekt bekunden, genau an diesem Tag auf dem höchsten Gebäude der besten Stadt der Welt."

"Wir bewundern Eure Standhaftigkeit

"Angst?", fragt Margaret McNeil. "Wovor sollte ich noch Angst haben? Ich habe in London die Bombardierungen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg überlebt. Ich habe Freunde und Verwandte verloren", berichtet die alte weißhaarige Frau, die eigens aus Schottland nach New York geflogen ist, um an diesem Tag auf dem Empire State Building zu stehen. "In eineinhalb Monaten werde ich 80" sagt sie. "Ich dachte, so eine alte Lady wie ich sollte nach New York kommen und den Menschen hier sagen: Wir bewundern Eure Standhaftigkeit."

Oben auf der 86. Etage des 381 Meter hohen Gebäudes hat die Schottin Christopher Grossenbaum kennen gelernt. Der 39-jährige New Yorker, Verkäufer im noblen Textilkaufhaus Barney's, war vor einem Jahr ganz in der Nähe des World Trade Centers. Er ist gekommen, um hier oben einem Freund die letzte Ehre zu erweisen, der im WTC umkam. "Die einen ehren die Toten unten am Ground Zero, andere gehen in die Kirche, wieder andere machen das im Familienkreis. Ich dachte, für einen New Yorker ist das hier oben auch ein guter Platz, um klar zu machen: Wir lassen uns von Terroristen keine Angst machen."

Die Warteschlange war nicht so lang wie sonst, wo man eine Stunde allein nach den Tickets ansteht. Doch es sind fast 100 Menschen, die auf der Aussichtsplattform stehen, während am Ground Zero die offizielle Gedenkzeremonie läuft. "Mit so vielen hatten wir um diese Stunde gar nicht gerechnet", sagt Lydia Rut vom Management des Empire State Buildings. "Insgesamt sind jedoch die Besucherzahlen seit dem 11. September keineswegs zurück gegangen. In den Sommermonaten waren 75 000 Menschen hier oben, das waren 7 Prozent mehr als im Sommer 2001."

Und doch ist etwas anders in diesem Jahr. Aus dem Souvenirshop des Wolkenkratzers sind alle Broschüren, Bilder und Poster verschwunden, die früher an ein spektakuläres Ereignis erinnerten. Am 28. Juli 1945 bohrte sich ein zweimotoriges Bombenflugzeug der US-Luftwaffe, dessen Pilot im Nebel die Orientierung verloren hatte, in die 79. Etage des Empire State Buildings. 14 Menschen kamen ums Leben. "Wer will daran schon noch erinnert werden?", fragt Christopher Grossenbaum. "Ist es nicht schlimm genug, dass wir die Türme im Süden nicht mehr sehen?".

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