Nur einmal im Jahr sehen die Aktionäre die Treuhänder ihres Geldes live
Zwischen Globalisierung und Elektronisierung

Ein schleichender Funktionswandel der Hauptversammlung sorgt für sinkende Präsenzen: wurde früher umfassend über die Geschäftstätigkeit informiert, so findet die Information über das vergangene Geschäftsjahr heute im wesentlichen vorher auf Bilanzpressekonferenzen und Analystenmeetings statt.

Die Vorgängerin der heutigen Hauptversammlung, die Generalversammlung des 19. Jahrhunderts, war eine Exklusivveranstaltung von Geschäftsherren aristokratischen Charakters. Erst seit der Aktienrechtsreform 1965 gibt es Demokratisierungstendenzen im Aktienwesen. Seitdem hat sich die Hauptversammlung dem zunehmend breiter werdenden Anlegerpublikum geöffnet, mit den bekannten Erscheinungen: Diskussionen zwischen Verwaltung und gutinformierten Aktionären, aber auch Auseinandersetzungen mit weniger edel motivierten Aktionären gehören zum Alltag der Hauptversammlung.

Ein eng gestricktes Pflichtenkorsett erfordert kundige Organisatoren und professionelle Technik. Der Aufwand steigt. Gleichzeitig nimmt trotz steigender Kopfzahlen die Aktionärspräsenz des Grundkapitals ab. Die Ursachen: Aktiensplits und Globalisierung.

Um das Anlageinstrument "Aktie" für eine breite Bevölkerungsschicht attraktiv zu machen, wurden die Nennwerte der Aktien gesenkt. Dadurch stieg die Fungibilität der Aktien, das Interesse an Aktien und die Anzahl der Aktionäre in Deutschland: der Aktienboom war geboren. Gleichzeitig wurden Beteiligungen atomistischen Ausmaßes möglich. Um die gleichen Präsenzen wie vorher zu erreichen, ist nun ein vielfaches an Köpfen erforderlich.

Internationale Anleger stehen im Regen

Die Folgeerscheinungen der Globalisierung kann das auf nationale Verhältnisse zugeschnittene Medium Hauptversammlung bisher ebenfalls nicht abfedern: Internationale Anleger werden nicht über die Hauptversammlung informiert, da die gesetzlichen Kommunikationsflüsse regelmäßig an den nationalen Grenzen enden. Selbst wenn sie teilnehmen wollten, ist aus dem Ausland eine Eintrittskarte nur schwer erhältlich.

Der in Deutschland überwiegend beschrittene Weg der Aktienhinterlegung ist anachronistisch, schwer verständlich und in Folge seiner vielen Zwischenschritte aus dem Ausland nicht fristgerecht zu bewältigen. Schließlich ist eine Teilnahme für ausländische Aktionäre erheblich erschwert, da die Veranstaltung in deutscher Sprache stattfindet. Es wundert nicht, dass angesichts solcher Hürden die Mehrheit internationaler Anleger keine Lust verspürt, sich den deutschen Hauptversammlungsgepflogenheiten zu unterwerfen.

Ungeachtet aller rechtlichen oder tatsächlichen Teilnahmeschwierigkeiten ist aber auch ein schleichender Funktionswandel der Hauptversammlung ursächlich für sinkende Präsenzen: früher wurde in der Hauptversammlung umfassend über die Geschäftstätigkeit informiert. Heute findet die Information über das vergangene Geschäftsjahr im wesentlichen vorher auf Bilanzpressekonferenzen und Analystenmeetings, sowie mittelbar durch Informationsintermediäre wie Presse und Fernsehen statt.

Das Internet könnte die effizienteste Lösung sein

Übrig geblieben ist nur die wichtige gesetzliche Aufgabe, Beschlüsse in bestimmten Unternehmensfragen zu fassen. Wenn es nur um eine Beschlussfassung geht, müssten dafür nicht alle Aktionäre an einen Ort kommen. Bei politischen Wahlen ist das auch nicht erforderlich. Dieses kann wesentlich effizienter bewerkstelligt werden, z.B. durch Nutzung des Internet.

Der Gesetzgeber hat diese Schwächen erkannt und reagiert. Der Stand des Erreichten ist beachtlich: das deutsche Aktienrecht wurde durch klangvolle und mutige Gesetzesvorhaben wie das "Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich" (KonTraG), das "Gesetz zur Namensaktie und zur Erleichterung der Stimmrechtsausübung" (NaStraG) und das nunmehr in der Verabschiedung befindliche das "Transparenz- und Publizitätsgesetz" (TransPug) vom Nachzügler zum Trendsetter.

Deutsche Aktiengesellschaften können heute ihre Hauptversammlungen in das Internet übertragen und dabei Simultanübersetzungen vornehmen; sie können Stimmrechtsvertreter ähnlich angloamerikanischer "proxy-committees" benennen und internet gestützte Stimmrechtsvertretungssysteme einsetzen. Damit wird die Hauptversammlung von einer provinziellen Pflichtveranstaltung zu einem ortsunabhängigen und weltoffenen Unternehmensorgan.

Claudia Huberle ist Rechtsanwältin und Projektleiterin, Dirk Zetzsche Projektleiter der Ton AG, -Art Düsseldorf.

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