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Nur Greenspan setzt auf die New Economy

Deutsche Politiker geben nicht mehr viel auf die New Economy. Der amerikanische Notenbankpräsident Alan Greenspan aber glaubt fest an den neuen Internet-Kapitalismus. Wer hat recht?

Tatü, tata - der Kanzler kommt. Eine Betriebsbesichtigung nach der anderen steht in diesen Tagen auf dem Programm Gerhard Schröders. Auf seiner großen PR-Tour durch die neuen Bundesländer lässt der Kanzler kaum ein Unternehmen am Wegesrand aus, um Arbeiterhände zu drücken und sich mit Bossen zu beraten. Auffällig dabei ist nur: Unternehmen aus der New Economy sind kaum dabei. Vor Jahr und Tag war das ganz anders: Auf dem Höhepunkt des Internet-Hypes im letzten Jahr zeigten sich deutsche Politiker jeder Couleur nur allzu gern mit aufstrebenden Jungunternehmern und eifrigen Existenzgründern. Das ist nun vorbei. Schließlich will sich kein Kanzler oder Oppositionspolitiker in einem Betrieb fotografieren lassen, der morgen vielleicht schon pleite ist: Bloß kein Risiko eingehen. Die einen nennen das politische Voraussicht, die anderen blanken Opportunismus.

Ganz anders in den USA: Dort stehen viele Politiker in Treue fest zur New Economy. Ganz vorne findet man dabei einen Mann, der durch Lebensweg und Alter nicht gerade prädestiniert scheint, eine Rolle als Gralshüter der Internet-Wirtschaft zu spielen: der 77-jährige Notenbankpräsident Alan Greenspan. Er zeigt in diesen Wochen, dass sein Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit der New Economy ungebrochen ist. In dieser Woche senkte Greenspan zum siebten Mal innerhalb von nur acht Monaten die amerikanischen Leitzinsen. Seiner Meinung nach sind die Rezessionsängste in den USA nach wie vor nicht verschwunden, die Inflationsgefahren aber sehr gering.

Die geringe Wahrscheinlichkeit eines Teuerungsschubs leitet Greenspan vor allem aus den segnungsreichen Wirkungen der Internetwirtschaft ab. Seine Argumentation geht ungefähr so: Durch hohe Investitionen in Computer und Telekommunikation haben die amerikanischen Unternehmen in den letzten drei, vier Jahren einen deutlichen Produktivitätssprung gemacht. Die gestiegene Wettbewerbskraft der Unternehmen ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern ein langfristiges. Wenn die jetzige Anpassungskrise überwunden ist, wird die amerikanische Wirtschaft deshalb wieder auf den Pfad eines schnellen, inflationsfreien Wachstums zurückkehren. Massive Zinssenkungen müssen nur dafür sorgen, dass die Investitionsbereitschaft wieder anspringt.

Dieses Vertrauen in die Produktivität der neuen Wirtschaft teilen in Europa nur wenige. Schon gar nicht die Europäische Zentralbank (EZB). Sie hält sich mit Zinssenkungen auffällig zurück. Nicht ganz ohne Grund: In Europa ist der Siegeszug der New Economy in diesem Jahr bereits abgebrochen, noch bevor sich massive Produktivitätssteigerungen durch die neuen Technologien durchsetzen konnten. Deshalb würde wohl auch Greenspan zustimmen, dass die Inflationsgefahren in der Euro-Zone viel höher sind als in den USA.

Mittel- und langfristig liegt aber genau da unser Problem: Wenn Greenspans Theorie stimmt und die USA noch vor Europa wieder aus dem wirtschaftlichen Abschwung herauskommen, wird die Vormachtstellung der amerikanischen Unternehmen im weltumspannenden E-Business noch stärker zu spüren sein als vor der Krise. Und Kanzler Schröder wird sich vielleicht im Nachhinein wünschen, er hätte auch in Sachen New Economy etwas längeren Atem bewiesen. Genau wie Alan Greenspan.

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