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Nur jeder siebte Deutsche will an Rechtschreibreform festhalten

Nur etwa 15 % der Deutschen wollen an der Rechtschreibreform festhalten. Doch auch für eine völlige Rückkehr zu den alten Regeln ist nicht einmal ein Drittel der Bevölkerung.

dpa HAMBURG. Nur etwa 15 % der Deutschen wollen an der Rechtschreibreform festhalten. Doch auch für eine völlige Rückkehr zu den alten Regeln ist nicht einmal ein Drittel der Bevölkerung.

Das ergab eine polis-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur (dpa) unter gut 1000 Befragten ab 14 Jahren. Nur etwa jeder siebte Deutsche will demnach künftig nach den neuen Regeln schreiben. Für eine komplette Rücknahme der Reform stimmten 29, nur Teile der Reform übernehmen wollen 28 %. Für ein gleichberechtigtes Nebeneinander von alten und neuen Regeln waren 27 %. Der Streit um die Reform ging am Wochenende unter Politikern weiter. Für einen Kompromiss plädierte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU).

FDP-Chef Guido Westerwelle forderte sogar die Abschaffung der Kultusministerkonferenz. "Da darf sich eine schnarchnasige Kultusministerkonferenz mit Hunderten von Beamten zehn Jahre lang mit der intellektuell erhebenden Frage beschäftigen, ob man Flanelllappen mit zwei oder drei L schreiben soll; aber gleichzeitig bekommt sie weder die Verkürzung der Ausbildungszeiten noch den gravierenden Unterrichtsausfall in den Griff", sagte er der "Bild am Sonntag". "Dieses Bremser-Gremium gehört aufgelöst." Nach Ansicht des stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Christoph Böhr hat die Reform gezeigt, dass das Gremium keine großen Zukunftsaufgaben der Bildungspolitik lösen könne. "Wenn es der Kultusministerkonferenz nicht gelingt, Struktur und Arbeitsstil von Grund auf zu verändern, muss sie aufgelöst werden", sagte Böhr dem Blatt.

Nach der polis-Umfrage sind unter den 14- bis 19-Jährigen, die seit Jahren die neuen Regeln lernen, die wenigsten für eine völlige Rücknahme der Reform (6 %). Die meisten von ihnen (37) hätten am liebsten Gleichberechtigung für die alten und neuen Regeln - was für Schüler weniger angestrichene Fehler bedeuten würde. Die ab 55- Jährigen wollen dagegen lieber zu den vertrauten Regeln zurückkehren (31) oder aus ihrer Sicht sinnvolle Teile der Reform übernehmen (30).

Was die Bildung angeht, tendieren Befragte mit Hauptschulabschluss eher zu einer Rückkehr zu den alten Regeln (36 %), während unter den Befragten mit Abitur oder Studium die meisten am liebsten einzelne für sie sinnvolle Regeln der Reform übernehmen wollen (39).

Auch die Initiative der Häuser Springer, Spiegel und Süddeutscher Verlag, im Alleingang zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, wird unterschiedlich bewertet. Die Mehrheit der Befragten (53 %) hätte lieber eine einvernehmliche Lösung gehabt, 42 % finden das Verhalten der Verlage in Ordnung. Das Münchner polis-Institut befragte zwischen dem 9. und 11. August telefonisch 1010 Menschen.

Im Streit um die Reform setzt sich Stoiber für einen Kompromiss ein. "Spätestens seit der Entscheidung der großen Verlagshäuser sind die bisherigen Beschlüsse zur Rechtschreibreform gescheitert", sagte der Ministerpräsident der "Welt am Sonntag". Es müsse geprüft werden, "welche Elemente der neuen Rechtschreibung sich bewährt haben und wie weit zur klassischen Rechtschreibung zurückgekehrt werden soll".

Auch Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) rechnet mit einem Kompromiss. Er setze auf eine gemeinsame Lösung aller Länder, sagte er der Oldenburger "Nordwest-Zeitung" (Samstagsausgabe). "Aus niedersächsischer Sicht könnte ein Kompromiss so aussehen, dass wir uns doch wieder auf die alte Rechtschreibung einigen plus jener Regelungen, die in den letzten Jahren akzeptiert wurden. Dem "daß" trauert keiner nach."

Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Peer Steinbrück (SPD), sprach sich dagegen erneut gegen die Aufhebung der Reform aus. Im Nachrichtenmagazin "Focus" monierte er, dass sich die Kritiker "erschreckend wenig" für das "Wohl unserer Kinder interessieren, die seit Jahren problemlos die neuen Regeln lernen". Er werde sich auf der Ministerpräsidenten-Konferenz im Oktober gegen eine Rückkehr zu den alten Regeln einsetzen. Auch Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) griff die Reform-Kritiker an. "Ich habe das Gefühl, dass einige Politiker aus unseren Reihen sich über die Rechtschreibreform ärgern, aber eigentlich die Bundesregierung meinen. Ich wehre mich dagegen, aus einer Stimmung heraus die Pferde zu wechseln."

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