Nur jeder Vierte kennt Plattform-Strategien der Autokonzerne
Image als "unsichtbares Preisetikett" beim Autokauf

afp NÜRNBERG/BAMBERG. Bei kaum einem Produkt geht es mehr um Image und Prestige wie beim Auto. Mit millionenschweren Werbekampagnen mühen sich die Hersteller, ihren Modellen ein bestimmtes Flair anzuheften, um die gewünschten Käufergruppen zu erreichen. Was indessen die wenigsten Kunden wissen: Wer einen schicken Sportflitzer wie einen Alfa Romeo oder Edel-Wagen wie Audi TT oder den A3 kauft, erwirbt Fahrzeugteile aus ganz normaler Massenproduktion eines Fiat oder VW Golf mit. Die unter einem Konzerndach oder durch Allianzen gebündelten Automarken teilen sich so genannte Plattformen, und damit sparen die Hersteller viel Geld. Drei von vier autofahrenden Bundesbürgern sind indessen fest überzeugt, die Marke zu kaufen, die sie sehen, und ahnen nichts von der Plattform-Strategie der Konzerne, ergab jetzt eine Umfrage der Marktforschungsgruppe GfK.

Rund rund 6 500 Mark mehr kostet der Audi A3 gegenüber der Konkurrenz aus eigenem Hause, dem VW Golf in der Einstiegsklasse. Was erst ein Blick unter die Motorhaube und das Chassis beweist: Beide Wagen haben das gleiche Grundgerüst und identische Motoren. Prinzipiell können bis zu 60 Prozent der verwendeten Autoteile beim Neubau eines Fahrzeugs nach Einschätzung von Branchenkennern aus baugleichen Reihen verwendet werden. Angefangen bei Fahrwerk und Lenkung finden teilweise auch gleiche Motorenreihen Anwendung. Image sei da nur noch Dreingabe oder ein "unsichtbares Preisetikett", wie es eine Marktforscherin formuliert.

So liefert zum Beispiel die Plattform des Wolfsburger Verkaufsschlagers VW Golf zugleich die Basis für die Audi-Modelle A3 und TT, den Skoda Oktavia sowie den Käfernachfolger VW Beetle. Ein VW-Sprecher verweist dabei auf die "breite Variationsmöglichkeit" der Plattformen. Auch ein im Prinzip baugleiches Fahrgerüst lasse sich in vielfältiger Weise auf einen bestimmten Fahrzeugtyp abstimmen, etwa bei Radstand und Federung. Auch Audi-Sprecher Udo Rückheimer findet den Begriff "Plattform" missverständlich. Stattdessen solle sich der Kunde ein Lego-ähnliches Baukastensystem vorstellen. Wie viele Kunden über diese Art von Arbeitsteilung informiert seien, konnten allerdings beide Sprecher nicht sagen.

Unwissenheit bei den Verbrauchern

GfK-Experte Michael Schmid zufolge liegt die Unwissenheit der Verbraucher daran, dass das Thema für Außenstehende "schwer wahrzunehmen" ist. Schließlich kämen für die Plattform-Strategie vorrangig Teile in Frage, die für die Kunden nicht sichtbar seien, betont auch Willi Dietz vom Institut für Automobilwirtschaft im baden-württembergischen Geislingen. Deshalb drängten auch die meisten Hersteller damit nicht gerade an die Öffentlichkeit: "Schließlich will man den Kunden nicht schlauer machen als er ist."

Der Trend zu Plattformen nicht nur innerhalb der Konzerne, sondern auch bei partnerschaftlich verbundenen Unternehmen wie etwa Ford und Mazda, nimmt jedoch stetig zu. Wachsender Kostendruck treibe die Hersteller dazu, so genannte Synergieeffekte zu nutzen, betont Wolfgang Meinig von der Bamberger Forschungsstelle Automobilwirtschaft. "In fünf Jahren werden Plattformen niemanden mehr aufregen, weil sie sowieso jeder Konzern nutzt."

Bauweise und Qualität immer ähnlicher

Gerade weil sich die Produkte in Sachen Bauweise und Qualität zusehends "ähnlicher" würden, sei es für die Hersteller indessen notwendig, sich entweder durch exklusiven Händlerservice oder Image abzusetzen, betont Meinig. Dies bestätigt eine Untersuchung der Essener Automarktforscher Marketing Systems. Der "Emotionalisierung" eines Wagens komme wachsende Bedeutung zu, ermittelte das Unternehmen.

Gerade bei höherwertigen Autos birgt die Verwendung baugleicher Elemente allerdings eine große Gefahr: Zwischen den Marken eines Herstellers könnten "Kannibalisierungs-Effekte" auftreten, erläutert Meinig. Vor diesem Hintergrund blicken daher die Bamberger Experten skeptisch auf die jüngste Ford-Strategie, seine Luxus-Marken wie Jaguar und Volvo unter einem Dach zu vermarkten. Eine Verwendung gleicher Teile wie bei VW wäre für Jaguar "tödlich", betont Auto-Experte Dietz. Schließlich lebe ein Luxusprodukt gerade davon, dass es etwas Besonderes sei. Überdies solle der Kunde nicht unterschätzt werden: Ob in zwei Wagen die gleiche Plattform verwendet werde, könne der Autofahrer durchaus "erfahren".

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%