Nur kurzfristig Chancen
Techniker warnen vor jahrelanger Baisse

Mehr als zweieinhalb Jahre Baisse machen Charttechniker pessimistischer denn je. Zwar steht nach übereinstimmender Meinung ab Oktober eine Erholung bevor. Doch langfristig drohen den Börsen neue Tiefkurse. Eine Hausse ist nicht in Sicht. Investoren sollten sich deshalb nach Alternativen umschauen, meinen die Analysten.

FRANKFURT/M. Die gute Nachricht vorweg: Wohin man schaut, ist die Stimmung so schlecht wie selten zuvor. Das gilt für Institutionelle und Privatanleger, aber auch für den Handel mit Optionen und Futures an der Terminbörse. Die massiven Fondsabflüsse belegen ebenfalls den Pessimimus der Investoren. Diese entziehen vor allem in den USA den Börsen ihr Kapital. Die einhellige Konsequenz daraus ist für viele technisch orientierte Analysten, dass es mit den Aktienkursen aufwärts geht. Warum?Je mehr Pessimisten dem Markt den Rücken gekehrt haben, desto größer ist anschließend die Chance für Neuinvestitionen.

Entsprechend positiv ist Michael Riesner von der DZ-Bank für die kommenden Monate gestimmt. "Zwei, drei Wochen mag es noch weiter abwärts gehen, weil die Quartalssaison bei den Unternehmen ihre Schatten voraus wirft. Doch aus einem Tief heraus und nach fast drei Jahren schwerer Baisse wird sich der Markt erholen;nicht ein bis zwei Wochen, sondern mindestens ein Jahr", ist Riesner sogar mittelfristig optimistisch. Diese Sichtweise gelte für alle Börsen in Europa und den USA.

Doch diese Erholung ist für den DZ-Bank-Techniker nur ein "Luftholen" innerhalb des intakten Abschwungs. Dieser hatte im März 2000 begonnen und sich idealtypisch nach Ausbildung der Kopf-Schulter-Formation und dem Bruch der Nackenlinie dramatisch beschleunigt. "Wir sehen klare Parallelen zum japanischen Markt. Auch hier gab es längerfristige Erholungen nach einem ersten kräftigen Abschwung Anfang der neunziger Jahre", sagt Riesner. Er erwartet 2006 ein großes Tief und erst dann ein mögliches Ende der derzeitigen Langfrist-Baisse.

Dax unter 2000 Punkte

Ganz ähnlich sieht das die freie technische Analystin Susanne Marschner. Ihr zufolge dürfte der Deutsche Aktienindex (Dax) Mitte Oktober oder Mitte November bei Kursen zwischen 2200 und 2600 Punkten ein Jahrestief erreichen. Anschließend könnte eine kurzfristige Aufwärts- oder nur Seitwärtsphase bis Januar 2003 folgen. Doch nach dieser Zwischenerholung - Marschner sieht sie kürzer als Riesner - dürfte sich die Talfahrt bis November nächsten Jahres fortsetzen. Auch sie erwartet neue Tiefkurse und sieht den Dax im kommenden Jahr unter die Marke von 2000 Punkten fallen. Die Technikerin aus Bad Soden ist sogar für die nächsten sechs Jahre auf Grund ihrer zyklischen Analyse pessimistisch gestimmt. Ihr Szenario leitet Marschner mit Hilfe der Langfristanalyse ab:Die langfristige von 1982 stammende Aufwärtstrendlinie wurde bereits im September 2001 (kurzzeitig) und im Juli 2002 nachhaltig nach unten durchbrochen (siehe Chart).

Auch für den Dow-Jones-Index sind die Aussichten nach Angaben von Marschner schlecht. Der langfristige Trend weise eindeutig nach unten. Ende nächsten Jahres sei ein Niveau von 4000 Punkten möglich. Ehe es noch in diesem Jahr zu einer Erholung komme, sei das Tief Mitte Oktober zu erwarten. Marschners Kursziel liegt bei rund 6000 Punkten. Der Dow hat ihrer Meinung nach einen höheren Korrektur-Nachholbedarf als die anderen großen Indizes. Zwischenerholungen nach Oktober änderten nichts daran, dass der übergeordnete Trend nach unten weise.

Nicht besser sieht das Szenario für die Wachstumstitel aus. Wieland Staud von Staud Research schränkt allerdings ein, dass Prognosen angesichts der kaum vorhandenen Parallelen in der Börsengeschichte zur gegenwärtigen schweren Baisse - abgesehen von den Jahren 1929 bis 1932 - schwer fallen. Für den Nemax-50 könne man eine Regel der Elliott-Wave-Theorie anwenden, wonach eine zweite Abwärtswelle oft ebenso stark wie die erste ausfalle. Demzufolge könnte ab dem Niveau von 1357 Punkten gerechnet noch ein Kursverlust von über 90Prozent anstehen;der Index würde dann bis unter 100 Punkte fallen.

Auch beim Nasdaq-Composite ist nach Angaben von Wieland Staud kein Ende der Baisse in Sicht. Er rechnet in den kommenden Wochen mit einem Fall auf Kurse von 1060 bis 1030 Zähler. Diese stellten derzeit eine wichtige Unterstützungszone dar, sagt Staud. Derzeit notiert der Index 20Prozent höher. Langfristig weniger pessimistisch ist Martin Siegert von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). "Ich habe die Hoffnung, dass wir beim Dax im Bereich von 2682/2600 Punkten einen Boden finden, den wir noch im Oktober sehen werden." Danach erwartet Siegert ebenso wie seine Kollegen eine mehr oder weniger stabile Aufwärtsbewegung. Auf dem Weg nach oben ist für ihn der Bereich von 4000 Punkten von ganz großer Bedeutung. "Hier entscheidet sich, ob es nur eine Bären- Markt-Rally ist oder mehr wird. Der Grund: Während der vergangenen Rally im August konnte der Dax diese Marke nicht überwinden. Hinzu kommt, dass der langfristige Abwärtstrend, der derzeit bei stark fallender Tendenz bei 5000 Punkten verläuft, im März nächsten Jahres bei 4000 Punkten angelangt sein wird. Siegerts Empfehlung für Anleger und Analysten: "Wenn diese große Hürde genommen wird, sollten wir neu nachdenken und uns für die Entwicklung neuer Szenarien wieder zusammensetzen."

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