Nur Nordfront bereitet Sorgen
US-Truppen kriegsbereit

Die Amerikaner haben die militärischen Vorbereitungen für einen Irak-Krieg weitgehend abgeschlossen. Einzig die Errichtung einer Nord-Front ist noch offen. Da der Nato-Partner Türkei die Stationierung von US-Truppen nach wie vor hinauszögert, will das Pentagon nun Soldaten einfliegen lassen.

WASHINGTON. Ausgerechnet der Nato-Partner Türkei bereitet den Amerikanern derzeit bei der Vorbereitung eines möglichen Irak-Angriffs Kopfzerbrechen. Mehr als 30 Frachtschiffe mit schwerem Militärgerät für rund 60 000 US-Soldaten dümpeln seit Wochen vor der türkischen Küste. Die neue Regierung in Ankara zögert ihr Ja zur Stationierung amerikanischer Truppen ebenso hinaus wie die Genehmigung von Überflugrechten: Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Aus der geplanten Nord-Front wird einstweilen nichts - das Ziel der USA, den irakischen Staatschef Saddam Hussein von zwei Seiten in die Zange zu nehmen, bleibt eine Wunschvorstellung. Eine Bodenoffensive wäre bislang nur von Kuwait aus möglich.

Es ist der letzte noch offene Baustein in der Strategie des Pentagons. Wochenlang haben die USA ihre Drohkulisse gegen den Irak systematisch aufgebaut. Mehr als 225 000 amerikanische und rund 25 000 britische Soldaten befinden sich bis dato am Golf. Einige Einheiten in den USA und in Europa warten allerdings noch auf ihren Einsatzbefehl, weshalb Experten von einem "rollenden Start" in den Krieg sprechen. "Unsere militärischen Vorbereitungen sind im Prinzip abgeschlossen - es kann losgehen", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter im US-Verteidigungsministerium.

Um sich nicht völlig von der Türkei abhängig zu machen, arbeiten die Amerikaner an einem Plan B. Rund ein Dutzend Kriegsschiffe haben das östliche Mittelmeer verlassen und bewegen sich durch den Suez-Kanal zum Roten Meer. An Bord führen sie satellitengesteuerte Tomahawk-Raketen - Langstreckenwaffen von hoher Treffgenauigkeit. Die Benutzung des Luftraums über Saudi-Arabien sei gesichert, heißt es im Pentagon.

Grundsätzlich gebe es jedoch noch eine andere Option, wie US-Militärplaner unterstreichen. So hätten die Kampfjets der beiden im östlichen Mittelmeer kreuzenden Flugzeugträger Theodore Roosevelt und Harry S. Truman die Erlaubnis, Jordanien zu überfliegen - Ergebnis einer stillschweigenden Zusage von König Abdullah. "Allerdings müssten wir dann den israelischen Luftraum passieren", gibt man im Pentagon zu bedenken. "Und das wäre aus politischen Gründen heikel."

Doch dies sind lediglich Szenarien für Luftangriffe. Eine Präsenz von US-Truppen im Nord-Irak könnten sie nicht ersetzen. "Die Amerikaner werden gebraucht, um die Nachkriegsordnung gegen die Pressionen der Türken, Kurden und Iraner zu garantieren", sagt Gebhard Schweigler vom National War College in Washington, einer Elite-Universität für zukünftige Generäle. Daher bereitet das Pentagon die Errichtung einer Nord-Front aus der Luft vor. So präparieren US-Spezialeinheiten bereits seit einiger Zeit Landebahnen im Kurdengebiet, heißt es in amerikanischen Militärkreisen. Damit könnten Soldaten der 101. Luftlande-Division sowie der Vierten Infanterie-Division mit C-17- Transport-Maschinen eingeflogen werden.

Dies setzt jedoch voraus, dass die irakische Luftabwehr zuvor ausgeschaltet wurde. Um dies zu gewährleisten, wollen die USA Saddams Regime bereits in der Anfangsphase eines Krieges durch massive Luftangriffe lahm legen. Allein in den ersten 24 Stunden dieser intern "shock and awe" (Schock und Schrecken) genannten Operation sollen 3 000 Bomben und Raketen im ganzen Land einschlagen.

Die Amerikaner bauen dabei auf die Überlegenheit ihrer Hochtechnologie. "Wir beherrschen den Weltraum in einem so starken Maße, dass ich jedes Land nur bedauern kann, das sich gegen uns stellt", unterstreicht Generalmajor Franklin Blaisdell von der US-Luftwaffe. Militärexperten betonen, dass 80 % der amerikanischen Bomben und Raketen laser- oder satellitengesteuert sind. Zum Vergleich: Im Golfkrieg 1991 bestanden nur 6 bis 8 % des US-Arsenals aus diesen hochpräzisen Waffen.

Im Gegensatz zum letzten Golfkrieg wollen die Amerikaner dieses Mal nach der ersten Welle von Luftangriffen Bodentruppen einsetzen. Nach Angaben des Pentagons sollen sie die Ölfelder im Norden und Süden des Iraks besetzen sowie Massenvernichtungswaffen sicherstellen.

Trotz der Übermacht der US-Militärmaschinerie bleiben Risikofaktoren. Neben der Frage, ob Saddam über biologisches oder chemisches Potenzial verfügt, gibt es die Möglichkeit von Sabotageakten. "Die Ölquellen könnten per Fernzündung in die Luft gejagt werden", warnt Andrew Krepinevich vom Center for Strategic and Budgetary Assessments, einer unabhängigen Denkfabrik in Washington. "Nach dem letzten Golfkrieg kostete die Reparatur der zerstörten Ölquellen in Kuwait rund 10 Mrd. Dollar."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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