Nur wenige Ausländer an der Spitze international tätiger Konzerne
Ausnahme Ausländer

In deutschen Chefetagen herrscht eine nationale Monokultur. Deswegen hat die Berufung des Niederländers Harry Roels als Nachfolger von Dietmar Kuhnt an die Spitze von RWE Signalcharakter.

Die Spürhunde in der Redaktion des Handelsblatts hatten bereits vor einigen Wochen die Witterung aufgenommen, vergangenen Montag verdichteten sich die Gerüchte schließlich zur Gewissheit: Harry Roels, ein in Deutschland kaum bekannter niederländischer Energiemanager, soll den Deutschen Dietmar Kuhnt im Februar 2003 auf dem Vorstandssessel des Essener Energieriesen RWE ablösen. Der bislang als Kronprinz gehandelte RWE-Vorstand Richard Klein zog den Kürzeren.

Der 53-jährige Shell-Manager Roels ist nicht der erste Ausländer an der Spitze eines deutschen Vorzeigeunternehmens. Pionier war in dieser Hinsicht der gebürtige Sizilianer Guiseppe Vita, der 1989 das Steuer beim Berliner Pharmaproduzenten Schering übernahm. Heute wie damals ist die Berufung eines Ausländers jedoch alles andere als eine Selbstverständlichkeit. "Mich hat das völlig überrascht", sagt etwa der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann, der seit Jahren die Personalpolitik multinationaler Konzerne beobachtet.

Kulturelle Kenntnisse nach wie vor wichig

Gerade einmal eine Handvoll Topmanager ohne deutschen Pass haben es geschafft, in die Chefetagen hiesiger Großkonzerne vorzudringen. Und in dieser überschaubaren Gruppe dominieren nicht von ungefähr Schweizer wie der Deutsche-Bank-Primus Josef Ackermann und Österreicher wie der ehemalige VW-Chef Ferdinand Piëch. Anders als Roels verfügt die Alpenfraktion im deutschen Topmanagement über einschlägige Sprach- und Kulturkenntnisse.

"Das ist bei der Besetzung von Vorstandsposten nach wie vor wichtig", sagt Bernd-Georg Spieß, Partner und Managing Director bei der Headhuntingfirma Russell Reynolds in Hamburg. Nicht nur weil in den Aufsichtsräten hiesiger Konzerne viele ältere Manager und Arbeitnehmervertreter sitzen, die nur wenig Englisch sprechen. "Es geht da um Feinheiten, die ein Ausländer erst in langen Jahren kennen lernt", so Spieß.

So hätte der in Israel geborene Telekom-Chef Ron Sommer wohl keine Chance auf den Topjob bei dem einstigen Staatsunternehmen gehabt, wenn er nicht in Österreich aufgewachsen wäre. Und auch Guiseppe Vita wäre kaum zum Schering-Chef gekürt worden, hätte er nicht schon jahrelang zuvor für den Berliner Pillenproduzenten gearbeitet.

Echte Global Player sind selten

Der Grund für die weitgehende Absenz von Ausländern in Corporate Germany ist simpel: "Echte Global Player sind so selten wie rosa Elefanten", sagt Hartmann. Das zeige auch ein Blick über die Grenzen. Andernorts ist es nicht besser als hierzulande: "Die Anzahl der Ausländer an der Spitze von multinational tätigen Großkonzernen liegt überall auf einem sehr niedrigen Niveau", so der Soziologe.

Amerikaner und Engländer profitieren davon, dass sich ihre Muttersprache zur Lingua Franca der Wirtschaftswelt entwickelt hat. Und dennoch hat Hartmann bei seiner letzten Untersuchung Mitte der 90er Jahre lediglich drei ausländische Chief Executive Officer bei US-Konzernen und nur sieben ausländische Konzernchefs in Großbritannien gezählt. Letztere stammen aus den Ländern des Commonwealth und haben Englisch sozusagen als zweite Muttersprache erlernt.

In Japan und Frankreich gilt gleichermaßen Nissan-Chef Carlos Ghosn als Vorzeige-Ausländer. Der Sohn libanesischer Eltern ist in Brasilien aufgewachsen und in Frankreich ausgebildet worden. So wie der ehemalige spanische VW-Manager Jose Ignacio Lopez de Arriortua hat sich Ghosn bei Renault einen Namen als Kostenkiller gemacht. Den Job an der Spitze von Nissan verdankt er jedoch der Beteiligung von Renault an dem japanischen Autobauer. Hartmann vergleicht ihn deswegen mit den nach Deutschland entsandten Statthaltern ausländischer Konzerne. In Deutschland zählte dazu etwa der ehemalige Ford-Werke-Chef und spätere Volkswagenvorstand Daniel Goeudevert.

Für wirklich international ausgerichtet mit entsprechenden personellen Konsequenzen hält Hartmann nur einige wenige Konzerne in kleineren Ländern, etwa den niederländisch-deutschen Waschmittelhersteller Reckitt Benckiser. Global Player seien auch die großen Beratungsfirmen, etwa McKinsey, wo der Inder Rajat Gupta an der Sitze steht.

Manager-Ausbildung nicht multi-national

Der Grund für die Monokulturen im Management internationaler Konzerne liegt nach Hartmanns Ansicht in der "außerordentlich starken nationalen Prägung" bei der Ausbildung der Manager. Es gebe nur wenige wirklich international orientierte Universitäten, so der Wissenschaftler. Und die Absolventen dieser raren Kaderschmieden kehrten zumeist in die Länder zurück, aus denen sie stammen. All dies werde sich nur langsam ändern, vermutet Hartmann.

Gerade deswegen hat die Berufung von Roels an die Spitze von RWE Signalcharakter. "Das hat eine neue Qualität", sagt Spieß. Globalisierung, Deregulierung und das Internet fordern die Wirtschaft heraus. So wie der Essener Konzern stehen viele Großunternehmen vor radikalen Änderungen. Kuhnt hat bereits den Weg zu einem international agierenden Versorgungskonzern eingeschlagen und Milliarden für den Kauf von Gas-, Strom- und Wasserversorgern in den USA, Großbritannien und Tschechien investiert.

Roels Aufgabe besteht jetzt darin, die neuen Töchter zu integrieren und den Konzern aufs E-Business auszurichten. Dabei darf die Profitabilität des Konzerns keinen Schaden nehmen, sonst rücken ihm die notorisch geldknappen kommunalen Mehrheitseigner von RWE zu Leibe. Der Umbau darf auch nicht von Massenentlassungen begleitet werden, weil sonst die einflussreichen Gewerkschafter protestieren.

Wenigstens beim Verkauf jener Konzerntöchter, die nicht mehr zur neuen RWE-Strategie passen, kann Roels auf Hilfe von außen zählen: Paul Achleitner, Finanzvorstand des an RWE beteiligten Versicherungsriesen Allianz, hat lange Jahre das Deutschland-Geschäft der US-Investmentbank Goldman Sachs geleitet und gilt als Experte für solche Fälle. Er ist eine der zentralen Figuren beim Umbau der Deutschland-AG. Schon heißt es, er werde Henning Schulte-Noelle an der Spitze der Allianz AG ablösen, wenn dessen Vertrag ausläuft. Soziologe Hartmann würde dann auch wieder einen Strich auf seiner Liste machen können: Achleitner ist Österreicher.

Quelle: Handelsblatt

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