Nur wenige "Einzelgänger"
Der Mythos der Single-Gesellschaft verblasst

Singles gelten als Lifestyle-Vorreiter. Jetzt mehren sich Studien, die ein anderes Bild zeichnen: das von der bunten Paar-, Familien- und Freundesgesellschaft.

dpa HAMBURG. Filmfiguren wie Ally McBeal und Bridget Jones, beide konsumfreudige Solo-Frauen, besitzen Kultstatus. Viele große Medienstorys haben über Jahrzehnte am Mythos von der Single-Gesellschaft, von einsamen Gestalten mit Mini-Menüs aus der Mikrowelle, gestrickt.

Jetzt allerdings mehren sich Studien, die ein ganz anderes Bild von künftigen Lebensformen zeichnen: das von der bunten Paar-, Familien- und Freundesgesellschaft. Der echte, vom Alleinleben überzeugte Single bleibt danach ein Einzelfall. Gerade 3 Prozent gehörten zu den "heirats- und familienunwilligen Einzelgängern", stellte das Zukunftsinstitut von Matthias Horx fest.

"Es gibt keinen Trend zur Single-Gesellschaft", sagt auch Professor Norbert F. Schneider von der Universität Mainz. Der Soziologe hat mit Kollegen im Auftrag des Bundesministeriums für Familie Ende 2000 eine Studie "Wie leben die Deutschen?" erstellt. "Wir leben ganz klar in einer paarorientierten Gesellschaft. Der größte Teil, etwa 90 Prozent - das gilt auch für die Jugend - will in einer Partnerschaft leben." Die von der Lebensmittel-Industrie konzipierten Single-Kleinpackungen landeten meist im Familienkühlschrank, um die Sonderwünsche der Einzelnen zu erfüllen, berichtet Trendforscherin Christiane Friedemann.

Als zentrale Fehlerquelle vieler Berichte über den Single-Boom gilt die Statistik selbst: Gezählt wird meist die Zahl der Ein- Personen-Haushalte. Diese wuchs tatsächlich nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln von 33,6 Prozent 1991 auf 36,1 Prozent 2000. Haushalt ist aber nicht gleich Person. Und der Schluss, jeder Dritte sei partner- und kinderlos, ist unzulässig. Man denke nur an die Job-Pendler, die neben der Einsiedlerwohnung für die Arbeitstage auch ein Haus fürs Familienwochenende besitzen.

Realistischer sind Studien, die von Menschen und ihren Lebensformen ausgehen. Zum Beispiel die Sonderauswertungen zum Mikrozensus von 1998. Danach lebt knapp jeder Fünfte in einem Ein- Personen-Haushalt, wie Professor Schneider erläutert. Bei den 25- bis 64-Jährigen - auf die der Single-Mythos vom konsumfreudigen Egoisten am ehesten projiziert wird - seien es 16 Prozent. Aber auch sie sind nicht alle Solisten. Schließlich gibt es viele Paare, die über Jahre zwei Haushalte führen. Außerdem Studenten, die ihre Jugendphase bis in die 30er ausdehnen, und Rentner, die zwar keinen Lebensgefährten, wohl aber erwachsene Kinder und somit Familie besitzen.

"Wenn man also alle Fernbeziehungen, die älteren Verwitweten und auch diejenigen, die das Single-Dasein nicht bewusst als Lebensstil wählen, abzieht, dann landet man bei etwa vier Prozent echten Singles", rechnet Soziologe Schneider vor. Sein Wert liegt in der gleichen Größenordnung wie der, den das Zukunftsinstitut in einer Mitte April erscheinenden Studie "Future Living" annimmt.

Die Prognose-Experten aus Kelkheim (Hessen) beurteilen - ähnlich wie Forscher-Kollege Horst W. Opaschowski ("Wir werden es erleben", Primus Verlag) - den Single-Begriff als extrem dehnbar: Mal ist der "Swinging Single" gemeint mit Freiheit, Geld und Kontaktfreude, mal dominiert Mitleid mit dem traurigen modernen "Eremiten". Wieder andere verwenden das Wort als Synonym für alle, die gerade nicht verliebt sind. Das Team um Horx jedenfalls listet mindestens neun Typen auf, zum Beispiel Frust-Singles oder Teilzeit-Singles.

Den Vormarsch dieser Gruppe in die dominante Rolle einer reinen Ich-Gesellschaft prognostizieren die Zukunftsforscher nicht. Vielmehr sind die Singles, auch wenn es mehr werden, nur Teil einer immer bunteren Mischung von Lebensstilen. Nicht eine Gruppe, sondern die Vielfalt hat laut der "Future Living"-Studie die klassische Hausfrauenfamilie abgelöst.

Denn auch die Zahl der kinderlosen Karrierepaare steige, ebenso wie die der neuen Drei-Generationen-Familien, der allein Erziehenden, Homosexuellen- und so genannten Patchwork-Familien. Auch Wohngemeinschaften von Berufstätigen seien im Kommen. "Es gibt eine individualisierte Familien- und Freundes-Gesellschaft", erläutert Mitautorin Christiane Friedemann.

Der Mainzer Soziologe Schneider nennt das eine "Pluralisierung der familiären Lebensform". Wobei er den kinderlosen Paaren und Frauen eine wesentlich prägendere Rolle zuspricht als den Singles. Zentraler Trend sei, dass Frauen immer später Kinder bekämen. Und dass immer mehr Frauen - auch mit Partner - dauerhaft kinderlos bleiben: "Etwa ein Drittel der Frauen bekommt keine Kinder mehr - das ist ein historisch neues Phänomen."

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