Ob UMTS ein Erfolg wird, steht in den Sternen
Branche zwischen Euphorie und Depression

Die europäische Telekombranche wirkte in den vergangenen Monaten, als sei sie reif für den Psychiater. Unternehmenslenker, Analysten und Anleger schienen kollektiv unter einer „endogenen Psychose“ zu leiden.

Die europäische Telekombranche wirkte in den vergangenen Monaten, als sei sie reif für den Psychiater. Unternehmenslenker, Analysten und Anleger schienen kollektiv unter einer "endogenen Psychose" zu leiden. Darunter verstehen Mediziner eine "schwermütig-gedrückte Grundstimmung, die im Wechsel mit manischer, euphorisch-gehobener Stimmungslage auftritt". Die Parallelen sind frappierend: Im Sommer 2000 befanden sich die Mobilfunker in einem "rauschhaften Zustand", wie auch die Autoren des Xonio Mobilfunk-Reports 2001 formulieren. 100 Milliarden DM gaben Deutsche Telekom, Vodafone und Co. für UMTS-Mobilfunklizenzen aus. Experten und Anleger jubelten. Danach versackte die Branche in einer Stimmung der Niedergedrücktheit. Die gleichen Experten, die kurz zuvor noch die ungeheuren Chancen von UMTS beschworen hatten, warnten plötzlich vor einer gigantischen Konsolidierungswelle, bei der einige der UMTS-Netzbetreiber auf der Strecke bleiben würden. Und Kunden und Anleger sorgten sich um den drohenden Antennenwald und Funkstrahlen, die ihre Gesundheit beeinträchtigen könnten. An den Börsen herrschte Katerstimmung, die bei den Lizenznehmern zu enormen Einbußen ihres Börsenwerts führte.

Auf der Cebit ist wieder die euphorisch-gehobene Stimmung angesagt. Zumindest ziehen die Unternehmen alle Register, um Frohsinn zu verbreiten. Offen bleibt, ob sich Analysten und Anleger mitreißen lassen. Fakt ist, dass es für eine tiefe Depression keinen wirklichen Grund gibt, ebenso wenig wie zu grenzenlosem Enthusiasmus. Es gibt Anlass zur Sorge, aber auch einige Argumente, die Hoffnungen wecken.

Sicherlich, die Unternehmen schieben riesige Schuldenberge vor sich her. Seit Anfang 2000 haben sich die sieben größten europäischen Telekomanbieter mehr als 170 Milliarden Euro geliehen. Die Belastung durch Zinsen hat sich für einige von ihnen nahezu verdoppelt. Ratingagenturen haben sie herabgestuft. Doch die Riesenschulden sind so lange kein ernstes Problem, wie die Firmen die Zinsen aus ihrem Cash-Flow zahlen können. Und das scheint noch möglich.

Auf der Habenseite können die UMTS-Lizenznehmer verbuchen, dass die schöne neue Mobilfunkwelt, die sie entwerfen, durchaus nützliche Seiten hat. Das Mobiltelefon wird zum Telefonbuch und Online-Shop, zur mobilen Bank und zum Börsenplatz, zum Navigationssystem und zur Reservierungsstelle für Flüge - und, und, und.

Inzwischen ist klar, dass die UMTS-Netze und mit ihnen die neuen Dienste später kommen werden als vor einem Jahr geplant. Ob und wann die Unternehmen damit Geld machen werden, steht noch in den Sternen. Ob die Kunden die UMTS-Angebote goutieren werden, hängt von ihrer Qualität und ihrem Preis ab - eine an sich triviale Weisheit, aber nicht in der Mobilfunkbranche. Das zeigt das Beispiel Wap: Hier haben die Betreiber einen miserablen, dafür aber sehr teuren Dienst propagiert - und sich gewundert, dass ihn kaum jemand nutzt. In Zeiten wie diesen gilt in der Mobilfunkindustrie als Regel Nummer eins: Nicht von Stimmungen mitreißen lassen. Diesen Fehler haben viel zu viele viel zu lange gemacht: Die Anleger, die noch vor einem drei viertel Jahr die eher volatilen Aktien der Telekommunikationsbranche für Witwen- und Waisenpapiere gehalten haben. Die Analysten ebenfalls, die die T-Aktie noch bei einem Kurs von 100 Euro zum Kauf empfahlen und plötzlich nichts mehr von UMTS wissen wollen. Und auch für die Unternehmen gilt Ähnliches: Sie haben den irrationalen Überschwang an den Börsen vor einem Jahr linear in die Zukunft fortgeschrieben. Das Ergebnis ist bekannt.

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