Obama vs. McCain
US-Wahlkampf: Cool gegen unbeholfen

Wenn die Kandidaten die Bühne verlassen, kommt die Stunde der Spin-Doktoren. Und die sagen häufig das, was man von ihnen erwartet. Doch als der konservative Publizist Charles Krauthammer sein Verdikt über das soeben beendete letzte TV-Duell zwischen Obama und McCain spricht, bleibt dem Fox News-Moderator Brit Hume buchstäblich die Spucke weg.

WASHINGTON. Denn Krauthammer lobt nicht den konservativen Präsidentschaftskandidaten John McCain, der kurz zuvor seinen wahrscheinlich besten Auftritt hatte. Krauthammer ist fasziniert von dessen demokratischen Gegenspieler Barack Obama. Der sei "bemerkenswert selbstbeherrscht und diszipliniert", sagt der Kolumnist im republikanischen Haussender Fox: "Obama macht keine Fehler." Hume, der nun eigentlich die nächste Frage stellen müsste, schluckt, blickt irritiert in die Kamera - und schweigt noch ein paar Sekunden lang. Dann erst fängt er sich wieder. Was Krauthammer sagt, dürfte tatsächlich am Ende genau das sein, was den Zuschauern von all den Debattenauftritten in Erinnerung bleibt. Der 47-jährige Obama ist stets cool, manchmal sogar aufreizend entspannt, und verliert nie die Contenance. Der 72-jährige John McCain dagegen strampelt sich ab, attackiert inhaltlich und wird gelegentlich auch persönlich. Doch all sein Bemühen prallt an einem Rivalen ab, der gar keine Lust hat, sich auf Scharmützel einzulassen. Obama will dem amerikanischen Fernsehvolk eine simple Botschaft übermitteln: Wenn ihr mich ins Weiße Haus wählt, dann erlebt ihr keine Überraschungen. Und wenn die Umfragen stimmen, dann wollen immer mehr Amerikaner eben das: einen Präsidenten, der in unruhigen Zeiten die Ruhe bewahrt (siehe "Obama profitiert").

Barack Obama wirkt seit Monaten souverän - und hat damit jenes Argument entkräftet, das er am meisten fürchten musste: seine Unerfahrenheit. Dass dieser Angriffsstrang keine drei Wochen vor der Wahl nicht mehr zieht, musste auch John McCain erkennen.

Statt seine vielen Jahre als Senator und zuvor als Luftwaffenoffizier in Vietnam ins Feld zu führen, verlegt er sich bei der Debatte am Mittwochabend an der Hofstra Universität wieder und wieder auf Nebenschauplätze. Er spricht über die Charakterfrage und bezichtigt Obama der Nähe zu Terroristen. Er unterstellt Obama Ideologie bei der Ernennung von Richtern am Obersten Gericht. Und er macht sich so sehr zum Advokaten des kleinen Mannes, dass dies nach einer Stunde lächerlich wirkt. Der Kämpfer McCain tut, was er kann - doch es fehlt der rote Faden. Und Obama bleibt cool.

Nur Tage zuvor hatte ein anderer prominenter Konservativer John McCain bereits einen ziemlich ruppigen Ratschlag erteilt: "Feuer Deine Kampagne", empfahl der Chefredakteur des "Weekly Standard" dem Republikaner. Jetzt gäbe es ohnehin nichts mehr zu verlieren. Der bekennende Neokonservative William Kristol warf dem McCain-Team vor, schlichtweg keine wirksame Strategie gegen Barack Obama entwickelt zu haben. Richtig daran ist, dass McCain seit dem Sarah Palin-Coup vor rund sechs Wochen nichts Originelles mehr eingefallen ist. Zudem hat sich auch der Palin-Effekt kräftig verwaschen. Denn angesichts der Wirtschaftskrise ist in den USA Seriosität gefragt - und kein Budenzauber. Sah deshalb das Obama/Biden-Ticket vor ein paar Wochen noch langweilig aus, wirkt es nun beruhigend solide.

So zeigt sich in den 90 Minuten Diskussion die ganze Metamorphose dieses Wahlkampfs. Jener Kandidat, der sich einst das Etikett "Change" anklebte und damit die gesammelte demokratische Konkurrenz besiegte, hat das Thema Wandel inzwischen tief in eine untere Schublade gepackt. Weil Barack Obama spürt, dass es derzeit in den USA auch ohne ihn mehr als genug Veränderung gibt. Also setzt Obama die Dosierung herab und definiert den Wandel einfach um. "Change" heißt bei dem Senator aus Illinois heute vor allem eines: Sicherheit. Sichere Jobs, sichere Krankenversicherung, sichere Außenpolitik. Selten klar wie zuvor war an diesem Abend in Hempstead im Bundesstaat New York nicht der Wahlkämpfer Obama zu sehen, sondern der Präsident Obama.

Bemerkenswert war an dieser letzten Debatte aber auch noch etwas anderes: Noch nie zuvor hatte sich John McCain so klar von George W. Bush abgesetzt. "Ich bin nicht Präsident Bush", sagte er zu Obama. "Wenn Sie gegen Präsident Bush antreten wollen, dann hätten Sie das vier Jahre früher machen müssen."

Tatsächlich hämmert die demokratische Wahlmaschine dem amerikanischen Wahlvolk seit Monaten diese eine Botschaft in die Köpfe: Wer McCain wählt, wählt eine dritte Amtszeit von George W. Bush. Darüber, ob diese These so einfach stimmt, lässt sich zwar trefflich streiten. Aus wahlkampfstrategischer Sicht jedoch erweist sie sich inzwischen als goldrichtig. McCain - ob nun zu Recht oder zu Unrecht - mit dem seit Jahrzehnten unbeliebtesten amerikanischen Präsidenten zu assoziieren, treibt den Senator aus Arizona in die Defensive - und genau das ist es, was den Krauthammers und Kristols Respekt abringt.

Karl Rove, der genial-faustische Strippenzieher von George W. Bush, hätte es nicht besser machen können.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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