Obamas Freiwilligenarmee wächst auch im konservativen Süden
Attacke auf die Republikaner-Staaten

Die Show ist vorbei. Barack Obama und John McCain sind zurück im Wahlkampfalltag: Sozialstationen besuchen, Arbeitern auf die Schulter klopfen, Rentnerinnen umarmen. Die Demokraten verfolgen dabei einen ganz besonderen Plan. Sie wollen McCain bereits gewonnen gelaubtes Terrain wieder streitig machen. Selbst im konservativen Süden, eigentlich streng republikanisch, wächst der Obama-Einfluss. Ein Ortsbesuch.

LAUGHLIN/HOUSTON. So sieht also Barack Obamas Freiwilligenarmee aus? Im Wohnzimmer von Tim Keefe sitzen ein Paar weit jenseits der 50, eine längst ergraute Dame und der Vater des Hausherrn, Ronald Keefe. Er habe schon für Franklin Roosevelt gestimmt und seither immer für die Demokraten, stellt er gleich klar. „Aber Klinken geputzt habe ich noch nie“. Bis auf den Hausherrn, dessen stattliche Plauze das Obama-Shirt gewaltig spannt, war von ihnen noch keiner je bei einer politischen Aktion. „Ich musste meinen Mann hier treiben – wenn er immer über Bush meckert, soll er endlich mal etwas machen“, sagt Maria Fernandez, die vor 20 Jahren aus Chile nach Laughlin, Nevada kam, um in der Kasinoindustrie des Glückspielstaats zu arbeiten. Ihren Job sieht sie jetzt bedroht: weil der Sprit so teuer ist und die Leute um ihre Häuser kämpfen müssen.

Selbst hier, im konservativen Süden, in so sicheren Republikaner-Staaten wie Nevada oder Texas wächst die ehrenamtliche Truppe Obamas. Dabei ist es gar nicht das Charisma oder die Botschaft des demokratischen Demokraten, was sie lockt. Es ist die Wut auf die regierenden Republikaner, die Amerikas schweigende Mehrheit aus der Deckung treibt. „Ich habe mir in den letzten Tagen den Parteitag der Republikaner rein gezogen. Die Rede von Sarah Palmin hat mir so wehgetan, dass ich heute zum ersten Mal hier sitze“, sagt Sherrys Bay.

Hier, das ist ein Wählerregistrierungsbüro der Demokraten in Midtown von Houston, Texas. Eine Stadt, die für Autos statt für Menschen gemacht ist und sich fest in John McCains Hand befinden. Diese Staaten im Süden und Mittlerem Westen sind Bastionen der Konservativen und werden am 4. November an die Republikaner gehen, aber auch hier regt sich der Unmut der aufgeklärten Mittelschicht. Plötzlich stellen sie Obama-Schilder vor ihre gepflegten Stadthäuser, auch wenn sie sich damit manchmal wie in Feindesland fühlen. „Ich finde die ganze Lage irgendwie bedrohlich“, sagt Sherryl Bay. „Wer weiß denn wirklich, ob hier nicht plötzlich die Polizei reinkommt und uns und dich unter irgendeinem Vorwand mitnimmt“. Beim Parteitag der Republikaner in St. Paul sei es zugegangen wie bei der Olympiade in China, mit Protestzonen, die nur auf Antrag betreten werden durften.

Die Versuche der McCain-Partei, sich als Agenten des Wandels in Washington darzustellen, der Versuch, mit der erzkonservativen Sarah Palin enttäuschte Anhänger von Hillary Clinton zu den Republikanern herüberzuziehen, stößt auf bitteres Lachen. „Das nimmt denen doch keiner ab, nach acht Jahren Bush wird es Zeit, dass die Republikaner von der Macht verschwinden“, wettert Bay. Die Angestellt der Uniklinik von Texas fühlt sich an die Doppelsprache aus George Orwells „1984“ erinnert: „Wenn die von Freiheit reden, dann heißt das Krieg, Reform heißt Fundamentalismus und Stolz heißt, die eigenen Kinder in den Krieg zu schicken.“ Auch sie hatte in der Vorwahl für Hillary Clinton gestimmt, weil die sich für die Gesundheitsreform stark macht. Aber das spiele jetzt keine Rolle mehr, sie werde Obama wählen: „Palin steht für alles was ich hasse, von der kommen doch nur Attacken, keine Inhalte.“

Genauso sehen es die Senioren für Obama in Laughlin. „Stimmt schon, das Wahlsystem sorgt dafür, dass unsere Stimme unter den Tisch fällt. Aber irgendetwas müssen wir doch machen“; sagt Maria Fernandez. Ihr Mann nickt und schweigt. Also wird nun Wahlwerbung betrieben, auch wenn sich keiner so richtig gerne auf die Straße stellt oder an Türen klopft. Die Obama-Kampagne hat ihnen ein Aktionspaket geschickt, mit einem Motivationsvideo und genauen Checklisten, welche Schritt zu beachten sind. Das wird nun abgehakt und am nächsten Samstag wollen Obamas graue Panther vor der Mall am Colorado-River um jede Stimme kämpfen. „Yes we can“, murmelt der 83-jährige Ronald Keefe.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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