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Oberlippen- und Gaumenfreuden

Journalisten haben es schwer. Das ist bekannt und deshalb auch wahr. Als ein in Schweden arbeitender Journalist hat man's noch schwerer. Seit dem 1. Juni gilt ein absolutes Rauchverbot in Cafes, Restaurants und Bars.

Journalisten haben es schwer. Das ist bekannt und deshalb auch wahr. Als ein in Schweden arbeitender Journalist hat man's noch schwerer. Seit dem 1. Juni gilt ein absolutes Rauchverbot in Cafes, Restaurants und Bars. Nicht, dass sich die Kollegen ständig in solchen Etablissements herumtreiben, nein das Qualmen ist auch in sämtlichen öffentlichen Gebäuden und bei den meisten Arbeitsgebern verboten. Irland, Italien, Malta und Norwegen lassen grüßen, die USA sowieso. Und da nun einmal unter Journalistinnen und Journalisten der Anteil der Raucher überproportional hoch zu sein scheint, kommen schwere Zeiten auf die Zunft zu.

Vorbei die Möglichkeit, nach einem Arbeitsessen mit dem CEO noch in entspannter Atmosphäre bei einem Kaffee und einer Zigarette plaudern zu können. Rauchen als soziales Element das gehört der Vergangenheit an. Doch auch die Nichtraucher in den Redaktionen sollten sich nicht zu früh freuen: Bei vielen Journalisten steht der Zeilen-Output in eindeutiger Abhängigkeit zur Menge des inhalierten Nikotins.

Welch ein Glück für alle Kollegen, die in Schweden stationiert sind. Denn das EU-Land hat sich eine Besonderheit trotz aller Brüsseler Nivelierungsambitionen bewahren können: Der "Snus" soll es richten und zu einer Ersatzdroge für die nicht Belehrbaren werden. Snus das lässt sich kaum übersetzen, kein Kautabak, Schnupftabak schon gar nicht, vielleicht ein Priem, aber dann eigentlich doch nicht. Snus das ist aromatisierter Tabak, oftmals in kleine, Teebeuteln ähnelnde Portionstütchen verpackt. Dieser Snus wird lose oder eben in kleinen Tütchen verpackt zwischen Oberlippe und Gaumen geschoben. Dort soll das Zeug Wunder wirken und den Genießer vom Griff zum Glimmstängel abhalten: Nikotin wird über den Blutkreislauf durch den Körper transportiert, eine Schädigung der Gefäße und der Lunge so betont der größte Hersteller der Wunderwaffe, Swedish Match sei nicht nachgewiesen. Hunderte medizinische Gutachte n stellt der Konzern allen Neugierigen gern zur Verfügung. Die Ärzte, die vor dem Snus-Konsum warnen, weil Schleimhäute, Herz und Zähne besonders belastet würden, kommen dort natürlich nicht zu Wort.

Bei Swedish Match hat man sich rechtzeitig auf das Rauchverbot eingestellt. Der Konzern, der in Schweden mit einem Marktanteil von rund 95 Prozent kaum einen Konkurrenten fürchten muss, bietet pünktlich zum Rauchverbot seinen Snus in verschiedenen Geschmacksrichtungen an. Menthol gab es ja schon bei Zigaretten, aber was ist mit Lakritz- und Eukalyptusgeschmack?

Die meisten gastronomischen Betriebe haben auf den Raucher-Raum, den der Gesetzgeber zulässt, freiwillig verzichtet. Wenn schon, denn schon sagen sie sich wohl und sparen auch eine Stange Geld für die Investition in eine besonders effektive Filteranlage. Außerdem geben selbst die Raucher in Schweden den winzigen Ausnahmeecken kaum eine Chance, denn weder Getränke, noch Speisen dürfen dorthin mitgenommen werden.

So bekommt vielleicht die Straße wieder etwas von ihrer ursprünglichen Bedeutung zurück. Ein Ort der Kommunikation, des Informationsaustausches. Für Journalisten nicht das Schlechteste. Doch was im Winter, wenn es schneit und die Nase bei minus 25 Grad zu gefrieren droht? Einige der großen Tabakkonzerne haben großzügig überdimensionale Gas-betriebene Terrassenstrahler der Gastronomiebranche angedient. Und noch etwas: Statt Aschenbechern bekommen Kneipen und Restaurants jetzt eigens für ausgelutschten Snus konstruierte Abfallbehälter. Mit Werbung, versteht sich, wie sie der Raucher ja schon von den Aschenbechern kennt.

Die meisten Kollegen wollen von jetzt an zu Straßenkämpfern werden, wollen Wind, Regen und Kälte trotzen und sich nicht vom Glimmstängel abhalten lassen. Einige wenige sind derzeit nicht gut zu sprechen, das Nikotindefizit in ihren Körpern hat ihnen die Stimmung grundlegend verhagelt. Andere wollen einen Snus zwischen Oberlippe und Gaumen fingern und hoffen, dass sie schnell über die gröbsten Entzugserscheinungen hinweg kommen. Wehe nur, wenn sie versetzt werden. Denn Snus ist laut Europäischem Gerichtshof gesundheitsschädlich und darf deshalb nicht in andere EU-Länder exportiert werden. Schweden konnte es nach dem EU-Beitritt nur deshalb behalten, weil es in dem Land eine Jahrhunderte lange Tradition des rauchfreien Tabakgenusses gibt.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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