Oberrhein, Mosel, Necker und Elbe sind im Trend
Fahren ohne Führerschein

Warum in die Ferne tuckern? Immer mehr Skipper erkunden mit Motorbooten die heimischen Gewässer.

Irgendwie passt Roger Kilchenmann so gar nicht in die Klischeeschublade des Motorbootbesitzers. Er ist kein neureicher Berufssohn, sondern Berater bei der Walldorfer Softwareschmiede SAP. Sein Boot, ein sieben Meter langer Bay Liner, liegt nicht an der Côte d?Azur, sondern in einem Rheinarm in Altrip bei Mannheim. Wenn das Wetter passt und die Zeit es zulässt, nimmt er Freunde und Kollegen an Bord und kreuzt mit 220 PS die Wellen der Lastkähne auf dem Rhein. Bei 60 km/h ist selbst die Hitze auf dem strahlend weißen Sommerdeck erträglich. "Abseits des Hauptstroms gibt es am Oberrhein unzählige Seitenarme zu entdecken", sagt Kilchenmann. An einem ruhigen Fleckchen wirft er dann den Anker, um an Deck eine Flasche Wein aufzumachen.

Dennoch zieht der 31 Jahre alte Bootsfan beim Kantinen-Smalltalk über das abgelaufene Wochenende prüfende Blicke auf sich, wenn die Rede auf sein Sportboot kommt. Noch immer klebt am Charter oder Besitz von Motorbooten in Deutschland ein leicht dekadenter Hauch.

Wie der IT-Berater Kilchenmann entdecken aber immer mehr Deutsche die Lust aufs Boot. Mit inzwischen über 500 000 Anhängern in Deutschland ist das Fahren von Motorbooten längst kein exklusives Hobby mehr von neureichen New- Economy-Abräumern oder sonnengegerbten Privatiers.

Der Einstieg in die Welt des Motorbootfahrens ist inzwischen weitaus einfacher als noch vor wenigen Jahren. In Deutschlands schönsten Wasserrevieren in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder an der Saar laufen Modellversuche, Interessierten auch ohne einen Bootsführerschein die Miete eines Bootes mit begrenzter Leistung zu erlauben. "Vier von fünf Einsteigern, die auf diesem Weg in die Welt des Bootfahrens hineinschnuppern, entschließen sich danach zu einer echten Ausbildung", sagt Jürgen Tracht vom Bundesverband für Wassersportwirtschaft.

Für einen Sportbootführerschein, mit dem dann alle Binnengewässer befahren werden können, müssen Interessierte in Kompaktkursen lediglich ein Wochenende und einige Hundert Euro investieren. Mit dem "Küstenschein" steht sogar das Meer offen.

Dabei war das führerscheinfreie Fahren noch bis vor wenigen Jahren ein Trumpf von Ländern wie Irland oder Frankreich. Inzwischen entdecken deutsche Bootsfahrer die heimischen Gewässer neu. Die weitläufigen Reviere auf der Mecklenburgischen Seenplatte gehören zu den schönsten in ganz Europa. "Auf der Müritz, dem Schweriner See und den Flüssen drumherum finde ich nicht nur Ruhe, sondern auch eine Fauna und Flora, die vom Land gar nicht zu bewundern ist", schwärmt Klaus Winter, Direktor der Dresdner Bank in Stralsund. Unzählige Nebenarme und Seen rund um die Müritz laden ein zum Ankerwerfen und Verweilen.

"Verdränger" genannte Motorboote und motorisierte Hausboote bieten auch über Nacht Platz für bis zu sechs Passagiere. Wem es auf dem Boot zu langweilig wird: Berlin ist von den Gewässern in Mecklenburg-Vorpommern nie weiter als zwei Tagestouren entfernt. Kein Wunder, dass der Bundesverband für Wassersport der Region zwischen Berlin und der Ostseeküste das größte touristische Potenzial bescheinigt.

Ganz vorne in der Urlauber- und Besitzergunst stehen auch der Oberrhein sowie die Nebenflüsse Mosel und Neckar und der Oberlauf der Elbe. Aus den ehemaligen Entsorgungskanälen Rhein und Elbe, einst die schmutzigsten Ströme Europas, sind lebendige Flüsse geworden. Der Sprung ins Wasser, vor 15 Jahren noch lebensgefährlich, gehört inzwischen bei den Ausflügen mit Familie oder Freunden dazu. "Am Oberlauf der Elbe und vielen Rheinabschnitten können Boote direkt vor langen Sandstränden anlegen", schwärmt Evelyn Breuer, passionierte Bootsfahrerin aus Euskirchen.

Ihre Biografie gleicht der von vielen Bootsfahrern: Angelockt werden sie über den gelegentlichen Charter oder Fahrten mit Freunden, und irgendwann steht dann der Kauf eines eigenen Bootes an. Aus zweiter Hand sind geschlossene Sportboote mit bis zu vier Schlafplätzen schon für 15 000 Euro zu haben, die mit rund 200 PS echten Fahrspaß aufkommen lassen. Hinzu kommen nochmals längen- und ortsabhängige Unterhaltungskosten von rund 1 500 Euro pro Jahr. Mit einem zugkräftigen Auto sind Bootsbesitzer auch mit einem Trailer mobil. Das lohnt sich vor allem für Fahrer, die nicht an einen Liegeplatz gebunden sein wollen und die hohen Benzinkosten eines Überwassertransfers scheuen.

Auch Roger Kilchenmann überführt im Spätsommer sein Sportboot per Trailer an die Côte d?Azur. Dort ankert er den Winter über in einem kleinen Hafen unweit Nizzas, weil die Liegegebühren im Winterhalbjahr deutlich günstiger als im Sommer sind. Zudem endet die Bootsaison im mediterranen Klima deutlich später und geht viel früher los als in Deutschland. "Per Billigflieger nach Nizza sind dann auch einige Kurzurlaube drin, während Deutschland noch im Winter schlottert", freut sich Kilchenmann. Das schont die Urlaubskasse - übernachtet wird schließlich in den eignen vier Wänden, pardon, in der eigenen Koje.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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